Golden stieg die milde Oktobersonne über den Gipfel des Hohensteins östlich von Spitzingsee. Der Himmel war klar und von jenem blassen Blau, das so typisch für die dritte Jahreszeit ist. Ringsum auf den Bauernhöfen regten sich bereits fleißige Hände, der Tanklaster der Molkerei war längst auf seiner Runde.
Der Schindler-Hof, auf halber Strecke zwischen dem See und dem Nachbardorf Abwinkl gelegen, war ein imposanter Besitz. In seiner Nachbarschaft fanden sich weitere Gehöfte. Früher als Aussiedlerhöfe bezeichnet, waren sie nun längst eingemeindet. Zu jedem Anwesen gehörten großzügig bemessenes Land sowie ausgedehnte Ackerflächen.
Bernd Schindler bewirtschaftete den Erbhof in der dritten Generation. Das imposante Haupthaus mit dem breiten, tief gezogenen Dach, den umlaufenden Holzbalkonen und den kunstvoll beschnitzten Balken wurde zu beiden Seiten von Stall, Remise und Gesindehaus eingerahmt. Auf dem stilvoll gepflasterten Wirtschaftshof bildete eine alte Kastanie den Mittelpunkt. Sie wurde von einer Bank umschlossen und bot so an heißen Sommertagen einen begehrten Sitzplatz. Zumal daneben in einer ehemaligen Viehtränke aus Sandstein ein kleiner Brunnen sprudelte.
An diesem sonnigen, aber empfindlich kühlen Morgen Ende Oktober war der Brunnen bereits für die ersten Frostnächte entleert worden. Das gewaltige Blätterdach der Kastanie hatte sich goldgelb verfärbt und leuchtete in der Morgensonne.
Der Bauer hielt sich zu dieser frühen Stunde im Kuhstall auf. Zusammen mit Florian Brühl, dem Großknecht, und dem Viehdoktor war er bemüht, einer Kuh das Kalben zu erleichtern. Das arme Tier quälte sich bereits die ganze Nacht, Florian hatte bei ihr gewacht. Zum Glück hatte sich der Verdacht auf eine Steißlage des Kalbes nicht bestätigt. Doch die Kuh kalbte zum ersten Mal und tat sich dabei schwer.
Bernd Schindler war Bauer mit Leib und Seele. Schon als kleiner Bub hatte er seinen Vater in den Stall und auf die Felder begleitet und begierig alles gelernt, was wichtig war. Er hatte die Landwirtschaftsschule als Jahrgangsbester abgeschlossen und wirtschaftete nun schon weit über zwanzig Jahre erfolgreich. Noch immer hatte er Spaß an der Arbeit, noch immer stand er am Morgen mit Schwung auf, weil er wusste, dass er eine Aufgabe hatte. Seine Felder, das Vieh, der Jahreslauf in der Natur, das war es, was sein Leben bestimmte. Er ging ganz darin auf und war stets damit zufrieden gewesen.
Als junger Bursch war Bernd, der heuer im fünfzigsten Jahr stand, den Madeln gegenüber eher schüchtern gewesen. Eine hatte es gegeben, Christa Stocker war ihr Name, die hatte er gern gehabt. Christa war die Tochter des Apothekers und ein sehr kluges Madel. Sie hatte n