Kapitel 1
Das rote Alarmlicht im Schwesternzimmer leuchtete auf. Vanessa verdrehte die Augen und stellte ihren Kaffee zurück auf den Tisch. „Ach Mann … warum kommt immer ein Notfall dazwischen, wenn man einen Kaffee trinken will?“ Sie bedachte Sara mit flehendem Blick. „Gehst du?“
Sara seufzte. Die Nachtdienste zehrten an ihren Nerven. Meistens passierte wenig, sodass die Zeit nicht vorübergehen wollte, und wenn etwas passierte, dann immer, wenn sie schon hundemüde war.
„Die schicken uns doch sowieso wieder weg. Keine Ahnung, was diese Geheimnistuerei in der letzten Zeit soll.“
Vanessa zuckte mit den Schultern. „Wir sind eine Privatklinik. Die Skandale unserer Patienten geheim zu halten, lassen wir uns gut bezahlen.“
„Wir?“, fragte Sara mit hochgezogenen Brauen. Vanessa grinste. „Na ja, wohl eher unsere Götter in Weiß. Aber du hast ja keinen Grund zur Beschwerde. Wer sich den leitenden Oberarzt schnappt, hat ausgesorgt.“
Sarah biss sich auf die Lippe. Sie mochte es nicht, wenn Vanessa ihr indirekt vorwarf, ihre Beziehung mit Thomas wäre berechnend. Tatsächlich hatte sie lange überlegt, ob sie Thomas' hartnäckigem Werben nachgeben sollte. Denn sie hatte genau das befürchtet, was eingetreten war. Hinter ihrem Rücken wurde behauptet, sie wäre mit Thomas zusammen, weil seine Zukunft vielversprechend war. Was konnte sich eine Krankenschwester denn mehr erhoffen?
Sara forderte keine Sonderbehandlung für sich ein, noch nutzte sie die Beziehung zu Thomas aus, um beruflich weiterzukommen. Etwas zu energisch stellte sie ihren eigenen Kaffee zurück. „Ich gehe mal nachsehen, was los ist.“
Vanessa verstand, dass sie zu weit gegangen war. „Tut mir leid. Ich habe das nicht so gemeint. Ich meine … jede hier ist scharf auf Thomas Breiling. Aber du hast ihn bekommen. Das macht eben neidisch.“
Sara zwang sich zu einem Lächeln. Sie war froh, diesem Gespräch zu entgehen. Vanessas ständige Anspielungen gingen ihr auf die Nerven. Ausnahmsweise war sie froh darüber, den Gang zur Notaufnahme übernehmen zu können.
Sie lief den modernen weißen Flur entlang. Da auf ihrer Station nachts meistens wenig zu tun war, gab es die interne Absprache, dass eine der Nachtschwestern in die Notaufnahme kam, wenn ein Patient eingeliefert wurde. Auf den Fluren roch es nach Desinfektionsmitteln und der angestauten Hitze der letzten Hochsommertage. Sara war klar, dass sie es mit ihrer Stelle in der Engelbachklinik gut getroffen hatte. In einer Privatklinik war ihr Job weitaus weniger stressig, als wenn sie in einem städtischen Krankenhaus gearbeitet hätte. Wenn neue Medikamente auf den Markt kamen, neue Behandlungsmethoden – sie