: Victor Serge
: Schwarze Wasser Roman
: Rotpunktverlag
: 9783858696380
: 1
: CHF 17.10
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: Hauptwerk vor 1945
: German
: 288
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
»Hör zu, Bruder, ich habe ein mulmiges Gefühl. Wir sind fünf - und kein Spitzel! Hältst du das für möglich? Und wenn dem so ist, welche Überraschung bereiten sie uns vor, die Drecksäcke, mit ihren zigtausend Akten? Schließlich versammeln sie uns nicht ohne Hintergedanken aus Wohlgefallen am Ufer der Schwarzen Wasser. Bestimmt nur, um uns durch einen Trick mit einem Stein um den Hals baden gehen zu lassen.« Victor Serges ergreifender Roman über Revolution, Liebe und Verbannung, geschrieben 1936-38, liegt nun in der Übersetzung von Eva Moldenhauer erstmals auf Deutsch vor.

Victor Serge, geboren 1890 in Brüssel, war russischer Revolutionär und Schriftsteller. Ursprünglich Anarchist, schloss er sich 1919 trotz großer Skepsis den Bolschewiki an und arbeitete später als Journalist, Verleger und Übersetzer für die Komintern. 1933 wurde er wegen seiner Opposition zu Stalin nach Orenburg (Ural) verbannt; 1936 dank einer internationalen Solidaritätskampagne, u. a. Romain Rolland und André Gide, freigelassen. Serge verließ die Sowjetunion und floh 1941 vor den Nazis aus Marseille nach Mexiko, wo er 1947 starb. In seinen letzten zehn Lebensjahren entstanden sieben Romane, die inzwischen international als Klassiker gelten.

I


Das Chaos


Michail Iwanowitsch Kostrow, in keiner Weise abergläubisch, spürte in seinem Leben die Dinge auf sich zukommen; sie kündigten sich durch kaum wahrnehmbare Zeichen an. Zum Beispiel seine Verhaftung. Da hatte es den eigenartigen Tonfall des Rektors gegeben, als er zu ihm sagte:

»Michail Iwanowitsch, ich habe beschlossen, Ihre Vorlesung vorübergehend auszusetzen … Sie sind gerade beim Direktorium, nicht wahr?« Angst, natürlich, vor den Anspielungen auf die neue politische Wende. »Bereiten Sie mir doch«, fuhr der Rektor fort, »eine ganz kurze Vorlesung über Griechenland vor …«

Eine Zeitverschiebung von etwa zweitausend Jahren. Hier spürte Kostrow, dass er einen Fehler machte, aber er beging ihn fröhlich, um des Vergnügens willen, den Rektor ein wenig zu beunruhigen, diesen fest im Sattel sitzenden Hasenfuß, der immer eine besondere Stimme bekam, wenn er mit dem Sekretariat des Komitees telefonierte.

»Ausgezeichnete Idee«, antwortete er. »Schon seit Langem habe ich eine Reihe von Vorträgen über die Klassenkämpfe in der antiken Polis im Kopf … Da ist Raum für eine ganz neue Theorie der Tyrannei.«

Der Rektor mied seinen Blick, den Kopf über seine Papiere gebeugt. Sein ka