AUGUST 1986
Alex Riewer und ich standen in einem Tempel aus Licht und Glück. Der abendliche Sommerwind streichelte unsere Haut, der Gesang aus 45 000 Kehlen unsere Seele. Der Fußballrasen unter uns sah dermaßen grün aus, dass man denken könnte, jemand hätte ihn angemalt. Im weiten Oval feierten die Fans, ein einziges rot-weißes Freudenmeer brandete durch das Müngersdorfer Stadion. Ich schaute hoch zur Anzeigetafel. 1.FC Köln: 3, VfL Bochum: 0. Es war 1986, ein Freitagabend Anfang August, und es lief die 86. Spielminute.
Alex beugte sich hinüber zu den drei Jungs, die links von uns standen. Fränzchen, Thorsten und Helmut, den alle nur Heli nannten und den ich nie anders als kaugummikauend gesehen hatte. Die drei kamen wie wir aus der Kölner Innenstadt, wohnten in der Nähe des Neumarkts und gehörten einer Clique an, mit der wir lose befreundet waren.
Ich wendete mich ab und konzentrierte mich wieder auf das Geschehen auf dem Rasen. Von ihrem Gespräch bekam ich nur Wortfetzen mit. Es ging um die Pläne nach dem Spiel. »Bochumer klatschen«, hörte ich Fränzchen sagen.
»Was geht jetzt?«, fragte Heli nach dem Schlusspfiff und schob sich ein neues Kaugummi in den Mund. »Seid ihr mit dabei oder nicht?«
Ich sah den fragenden Blick von Alex und schüttelte leicht den Kopf. Gerade so, dass er es mitbekam, die anderen jedoch nicht.
»Ansonsten echt gerne, sch… sch… scheiß Bochumer«, sagte Alex. Er stotterte immer, wenn er aufgeregt war. »Aber heute steht noch ’ne Party an und da sind voll die super Bräute am Start.«
»Klingt geil. Wo denn?«, fragte Heli interessiert.
»Ist leider privat in ’nem Partykeller.«
Alex zuckte bedauernd die Schultern. »Da könnt ihr nicht mit, sonst flippt der Alte von dem Kumpel aus, dem der Keller gehört. Der kann es nicht abhaben, wenn da Fremde mitkommen.«
»Scheißegal«, sagte Fränzchen und winkte ab. »Dann hauen wir die Bochumer eben alleine weg. Und euch viel Spaß mit den Schüssen. Steckt einen für uns mit rein, ja?«
»Ja, klar«, sagte Alex und grinste, dann gingen wir. Raus aus der Arena und den Fußweg entlang, der vom Stadion zur Haltestelle der Straßenbahn führte. Unter unseren Füßen knirschte der Kies, hinter uns schoben die Massen, noch immer Schlachtgesänge schmetternd, die alle von Treue und Liebe zum Verein erzählten.
Ich schaute meinen Kumpel an. Alex war fast einen Kopf kleiner als ich, hatte dunkelbraune Locken und ausgeprägte Grübchen, um die ich ihn unsagbar beneidete. Aus irgendeinem Grund waren die bei den Mädels der absolute Reißer – kaum eine, die Alex nicht niedlich fand.
Er hätte nie offen zugegeben, dass die angebliche Party nur ein Vorwand gewesen war, um sich ohne Gesichtsverlust vor der Schlägerei drücken zu können. Also fragte ich nicht nach. Ich kannte ihn und er kannte mich. So war das eben, wenn man mehr Zeit miteinander verbrachte als mit der eigenen Familie.
Das Spiel war schon eine gute Stunde vorbei, als Alex und ich an der Ulrichgasse wieder aus der Straßenbahn stiegen. Direkt neben der mittelalterlichen Ulrepforte bogen wir in den Kartäuserwall ab. Eine schmale Seitenstraße, die geradewegs auf die Severinstraße und den Chlodwigplatz führte und somit mitten hinein ins Herz der Kölner Südstadt.
Hinter einer Hofeinfahrt erreichten wir unser Revier. Den Ort, an dem wir uns jeden Tag trafen und den wir nur den Park nannten. Nie musste man sich groß verabreden, i