Tag 1
Kommissarin Jenny Becker gähnte und drehte sich zur Seite. Schlaftrunken tastete sie ins Nachbarbett. Leer. Sie ließ sich zurücksinken und versuchte, vollständig wach zu werden. Langsam erinnerte sie sich. Michael Biederkopf, der Staatsanwalt, mit dem sie seit Kurzem eine Beziehung hatte, war wegen eines frühmorgendlichen Termins am Abend vorher nach Hause gefahren.
Sie selbst musste heute erst später in ihrem Büro beim K 11 sein. Momentan erforderte kein aktueller Mordfall ihren Einsatz. Nur Routinearbeiten warteten an diesem Montagmorgen auf sie.
Träge drehte sie sich auf den Rücken. Das Morgenlicht schien durch die Ritzen des Rollladens. Sie lächelte. Es hatte ewig gedauert, bis aus ihr und Biederkopf ein Paar geworden war. Dafür war es jetzt umso schöner, auch wenn sie es langsam angehen ließen.
Sie vermisste ihn. Vielleicht sollte sie nachher bei ihm im Büro vorbeischauen und fragen, ob er Zeit hätte, mit ihr zu frühstücken.
Sie schaute auf den Wecker. Es half alles nichts. Sie schlug die Decke weg, quälte sich aus dem Bett und ging Richtung Kaffeemaschine. Die Zeitschaltuhr hatte dafür gesorgt, dass sie nur einzuschenken brauchte. Der erste Schluck weckte endgültig ihre Lebensgeister.
Ein Blick in den Flurspiegel ließ sie schaudern. Kritisch betrachtete sie ihre kurzen blonden Haare. Friseur wäre mal wieder angesagt. Aber jetzt eine Dusche.
Eine Stunde später betrat sie ihr Büro im ersten Stock des riesigen Frankfurter Polizeipräsidiums. Ihr Kollege Logo Stein saß bereits an seinem Schreibtisch und hackte verbissen auf der Tastatur seines PCs herum. Er nickte ihr kurz zu. »Moin Jenny, Sascha kommt gleich, soll ich dir sagen. Er war noch beim Arzt, impfen.«
»Impfen?«
»Er fliegt doch in sechs Wochen auf die Kapverden.«
Jenny gähnte. »Stimmt ja. Mit seiner Beinahe-Freundin. Ich habe arge Zweifel, dass sie es ernst mit ihm meint.«
»Ich auch. Dass er das durchzieht.« Logo schüttelte den Kopf.
»Muss er selbst wissen. Ist alt genug«, meinte Jenny und setzte sich an ihren Schreibtisch.
»Was? Er ist noch ein halbes Kind!« Logo grinste. »Ich dachte ja kurz, er wäre in unsere Gerichtsmedizinerin verknallt.«
»Die Tochter vom Prof? Die ist doch viel älter als er.«
»Na und?«
Jenny starrte aus dem Fenster. Urlaub. In drei Wochen wollte sie eine Woche Auszeit nehmen und mit Biederkopf in den bayrischen Wald fahren. Spätestens dann musste sie den Kollegen die Wahrheit sagen. Biederkopf und sie hatten sorgsam darauf geachtet, dass außer ihrem Team niemand im Präsidium etwas über ihr Verhältnis mitbekam. Eine Beziehung unter Kollegen gab nur dummes Gerede und die Vorgeschichte Jennys trug nicht