Kapitel 1
Puh! So eine Hitze!«, stöhnt Joey und schaut mich mithypnotisierten Saugnapfaugen an. »Das hält ja keinMensch aus.«Ich liege neben ihr in der prallen Sonne am Ufer irgendeines Sees und rühre mit den Händen im Wasser herum.»Die Brühe hier ist auch schon pisswarm.«Joey grinst. Ihre Augen werden immer größer und ihrBlick immer irrer und dann fängt sie plötzlich an zu heulen.»Du bist schuld!«, schreit sie mich an.Ihr Mund ist riesig und ihr Rachen dunkel und unendlichtief. Ich starre ihn an und habe das Gefühl, in den finsteren Schlund hinuntergezogen zu werden.»Joey, nein!«, kreische ich. »Ich kann doch nichts dafüüür . . .!«Dann sitze ich plötzlich in meinem Bett. Mein Gesicht istheiß und mein Atem geht stockend. Es dauert eine Weile,aber dann kapiere ich: Es war bloß wieder dieser Traum,der mich in den letzten drei Wochen fast jede Nacht in einer ähnlichen Variante heimsucht.
Ich lasse mich in mein Kissen zurücksinken und schaue bedrückt zum Fenster hinüber, durch dessen zugezogene Vorhänge die Morgensonne blitzt. Nachdem ich mein Zimmer am letzten Wochenende mehrmals umgeräumt habe, steht mein Bett inzwischen wieder an seiner alten Stelle. Genau wie früher schaue ich jetzt in die gleiche Richtung wie Joey, wenn sie aufwacht. Joey, die eigentlich Joana heißt und einmal meine allerbeste Freundin war. Nämlichfrüher, als wir beim Aufwachen nicht nur in dieselbe Richtung schauten, sondern haargenau die gleichen Klamotten, Bücher, Schreibtischlampen und Bambusrollos besaßen. Noch immer wohnen wir Garten an Garten in der Knippgartenstraße, noch immer besitzen wir die gleichen braunen Rosettenmeerschweinchen namens Angelo und noch immer haben wir am selben Tag Geburtstag, nämlich am 6. September. Der ist nun ebenfalls drei Wochen her. Seitdem sind Joey und ich dreizehn – und seitdem ist alles nicht mehr so wie früher. Keine Ahnung, welche CD Joey sich als Letztes gekauft hat, ich höre jedenfalls nicht mehr die alten Songs vonTake That. Ich höre ja nicht einmal die neuen vonRobbie Williams. Nein, ich habe mich diesbezüglich völlig umorientiert. Meine Lieblingsbands sind neuerdingsGreen DayundGood Charlotte. Irgendwie hängt das wohl mit Cobi zusammen, der jetzt mein Freund ist und diese Art Lala den ganzen Tag rauf- und runterdudelt.
Ja, Cobi ist mein Freund und nicht Joeys. Eigentlich ist es kein Wunder, dass wir uns ausgerechnet in denselben Typen verknallt haben. Eigentlich war das vorprogrammiert. Aber anstatt zusammen für ihn zu schwärmen und ihn in unseren Träumen miteinander zu teilen, ist ein schrecklicher Konkurrenzkampf zwischen uns ausgebrochen. Um unsere Freundschaft zu retten, hätte ich fast auf Cobi verzichtet, aber dann hat sich Joey schrecklich gemein und unfair verhalten und mich sogar vor der ganzen Klasse bloßgestellt. Das kann ich ihr einfach nicht verzeihen. Außerdem wollte Cobi ja mi