: Thomas Horling, Uwe Müller, Erich Schneider
: Schweinfurt Kleine Stadtgeschichte
: Verlag Friedrich Pustet
: 9783791760322
: Kleine Stadtgeschichten
: 1
: CHF 12.60
:
: Regional- und Ländergeschichte
: German
: 168
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Immer wieder musste die einzige Reichsstadt in Mainfranken mit den benachbarten Würzburger Bischöfen um ihre staatliche Unabhängigkeit ringen - seit Einführung der Reformation 1542 auch im konfessionellen Gegensatz. Erst die Annexion durch Bayern 1802 ermöglichte auf lange Sicht den Aufstieg zur Industriestadt: Auf die chemische Industrie folgte im späten 19. Jahrhundert die bald weltweit agierende Wälzlagerindustrie. Nach dem Inferno des strategischen Luftkrieges 1943 bis 1945 entstand in Wirtschaftswunderzeiten die neue 'Stadt der Kugellager und des Sports', die 'Schulstadt' und seit den 1990er-Jahren die Stadt der 'Industrie und Kultur'. Die Kleine Stadtgeschichte bietet einen facettenreichen, konzentrierten Überblick über die Geschichte Schweinfurts, einer der bedeutendsten bayerischen Industriestädte: Wirtschaft und Soziales, Politik, Architektur und Kunst.

Thomas Horling, Dr. phil., geb. 1969, ist wissenschaftlicher Sekretär der Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Uwe Müller, Dr. phil., geb. 1956, ist Leiter des Stadtarchivs und der wissenschaftlichen Stadtbibliothek Schweinfurt. Erich Schneider, Dr. phil., geb. 1954, ist Leiter der Museen und Galerien sowie des Kulturamtes Schweinfurt.

Schweinfurt im Mittelalter


Anfänge im Dunkeln– Die Entstehung der Reichsstadt


Die durch archäologische Streufunde in die Merowingerzeit datierbare erste Siedlung mit dem Namen Schweinfurt– an der nordöstlichen Spitze des Maindreiecks gelegen, zwischen Höllenbach und Marienbach– ist urkundlich ab 791 bezeugt: Hiltrihübereignet dem Kloster Fulda am 12. September dieses Jahres Besitz»in Suuinfurtero marcu«.

Abb. 1: Darstellung des Lollus.– Lithografie von Friedrich Kornacher.

Auf deröstlich des heutigen Stadtzentrums gelegenen Peterstirn errichteten die Markgrafen von Schweinfurt im 10. Jh. ihre Stammburg. Ihr Einflussbereich erstreckte sich in dieser Zeit vom Frankenwald bis zu Regen und Donau, vom Mainknie bei Schweinfurt bis zu Fichtelgebirge und Böhmerwald. Das wohl als Sühnestiftung im Zusammenhang mit der Erhebung Markgraf Hezilos gegen Heinrich II. (1003) von der Markgrafenmutter Eila errichtete Nonnenkloster auf der Peterstirn wurde noch vor Mitte des 12. Jhs. in ein Männerkloster des Benediktinerordens umgewandelt. Die lokalen markgräflichen Güter einschließlich des Hausklosters gelangten auf dem Erbwege in den Besitz des Hochstifts Eichstätt (1122), dessen Rechte das Benediktinerkloster auf der Peterstirn wahrnahm; es wurde 1263/1265 auf Betreiben des Würzburger Bischofs an den Deutschen Ordenübergeben.

 

HINTERGRUND

 

Bedeutung des Namens Schweinfurt

Dieältesten der vielen Deutungsversuche des Namens Schweinfurt gehen auf berühmte Humanisten der ersten Hälfte des 16. Jhs. zurück. Während sich der aus Schweinfurt gebürtige Johannes Cuspinian (1473–1529) in Analogie zu Haßfurt und Ochsenfurt für die Ableitung vom Tier ausspricht, konstruiert Beatus Rhenanus (1485–1547) eine Ableitung vom Stamm der Sweben, d. h. Schwaben, die in der Völkerwanderungszeit die hiesige Furt des Mains passiert haben sollen. Die historische Sprach- und Namenforschung zieht seit Jahrzehnten als Grundwort althochdeutschfurt (›Furt‹) und als Bestimmungswortsw?-n (›Schwein‹) heran, woraus als Namenserklärung»für Schweine gangbare Furt« bzw.»Furt, an der sich (Wild-)Schweine aufhalten« folgt (Reitzenstein, S. 206). 1991 hat Jakob Amstadt den Namen Schweinfurt im Zusammenhang mit einem germanischen Fruchtbarkeitskult ebenfalls auf das Tier zurückgeführt. Von der dem Götzen»Lollus« gewidmeten heidnischen Opferstätte und dessen sagenhaftem Standbild berichten auch die alten Stadtchronisten.

 

Oberhalb der markgräflichen Burg wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt eine Reichsburg errichtet. Wohl KaiserFriedrich I. Barbarossa (reg. 1152–1190) ließ westlich des Marienbachs in Konkurrenz zur nunmehr eichstättischenvilla, eine neue Siedlung anlegen. Einecivitas imperii (Reichsstadt) entstand, gelegen an einer Furt am Main und am Kreuzungspunkt der wichtigen Straßen vom Spessart/Untermainüber das Werntal nach Osten zum Obermain und von Nürnberg nach Nordenüber den Thüringerwald nach Erfurt. Bald schon wurde der Fischerrain, eine alte Fischersiedlung am Main, in die neue Gründung einbezogen. 1230 ist erstmals urkundlich vom»oppidum Swinfurthe« die Rede. Eine Stadtrechtsverleihung ist jedoch nicht nachweisbar.

 

BIOGRAFIE

 

Judith von Schweinfurt

Markgraf Hezilo (Heinrich) erhob sich 1003 gegen König Heinrich II., der ihm die erhoffte Belehnung mit dem bayerischen Herzogtum verweigert hatte. Die daraufhin verhängte Reichsexekution machte auch vor der Burg Schweinfurt nicht Halt. Hezilos Mutter Eila konnte allerdings eine vollständige Zerstörung verhindern. Er selbst wurde bald darauf vom König begnadigt. Seine Tochter Judith (ca. 1005–1058) heiratete in den 1020er-Jahren den böhmischen Herzogssohn Bretislav. An die sich um die Hochzeit der beiden rankende Sage vom gewaltsamen Brautraub durch Bretislav und dem verlorenen roten Schuh der Judith erinnert noch heute das durch Karl Sattler (um 1871) angebrachte Relief auf der Peterstirn mit dem Schuh samt fingiertem Entführungsdatum 7. Juli 1021. Nachdem Bretislav das böhmische Herzogsamtübernommen hatte, residierte er mit seiner Gemahlin bis zu seinem Tode 1055 auf der Prager Burg. In den Wirren des Nachfolgestreits zwischen seinen Söhnen flüchtete Judith an den ungarischen Hof, wo sie am 2. August 1058 starb. Ihr Sohn Vratislav, 1085 zum ersten böhmischen König gekrönt, ließ die Gebeine der Stammmutter des böhmischen Königsgeschlechtes der Pr?emysliden nach Prag in den Veitsdomüberführen.

 

Der Baubeginn der St. Johanniskirche wird in das ausklingende 12. Jh. datiert, erst 1325 wird sie erstmals als Pfarrkirche genannt. Das Patronat stand dem Würzburger Stift Haug zu. Beamte des Reichs und eine Münze sind in Schweinfurt in einem Mandat König Heinrichs (VII.) (reg. 1220–1235) vom 21. November 1234 bezeugt. Ob eine erste Zerstörung der Reichsstadt Schweinfurt Anfang der 1240er-Jahre, das sog. Erste Stadtverderben, schon in den Auseinandersetzungen der Würzburger Bischöfe mit den Hennebergern oder