: Henning Klüver
: Gebrauchsanweisung für Mailand Mit Lombardei
: Piper Verlag
: 9783492967730
: 1
: CHF 11.70
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: Europa
: German
: 224
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Kultur- und Designmetropole, Wirtschaftszentrum und zweitgrößte Stadt Italiens. Mailand ist eine Diva, und Henning Klüver, der seit fast zwanzig Jahren hier lebt, erkundet ihre berauschende Vielfalt: bei Spaziergängen über die mondäne Piazza Duomo, Streifzügen auf Leonardos Spuren und einer Fahrt mit der 100 Jahre alten Tram - die Klüver der modernen Metro vorzieht. Seine charmante Neugier öffnet dem Autor die Tür zu Umberto Ecos Privatbibliothek, und er blickt hinter die Kulissen der namhaften Modemacher. Er widmet sich der großen Oper, erzählt von Fußballrivalitäten und genießt von Zeit zu Zeit die Beschaulichkeit des lombardischen Umlands: in den alpinen Zentren im Norden, im Seenland zwischen Lago Maggiore und Lago di Como und beim Literaturfestival in Mantua.

Henning Klüver, 1949 in Hamburg geboren, studierte in Deutschland und Italien. Er berichtet als freier Kulturkorrespondent für deutsche Tageszeitungen und Rundfunkanstalten aus Italien. Neben Biografien und einem politischen Sachbuch erschien von ihm die »Gebrauchsanweisung für Sardinien«. Er lebt mit seiner sardischen Frau, mit der er zwei Töchter hat, in Mailand.

Eine große Drängelei


Menschen in Mailand und der Lombardei, ihre Geschichte(n), ihre Vorzüge und ihre Macken

Mailand. Das hat Flair, Schwung und Geschmack. Mode und Design, Cafés und Restaurants. Teatro alla Scala und Pinacoteca di Brera, moderne Kunst und alte Kirchen. AC Milan, FC Inter und das San-Siro-Stadion. Italien eben. Und ich höre oft: Toll, dass du da lebst. Na ja, die Stadt der Expo 2015 ist zwar durch und durch italienisch, aber nicht so, wie viele sich Italien vorstellen. Nicht heimelig mit lauschigen Plätzen, wo man im Straßencafé unter immergrünen Bäumen am Rotweinglas nippt, aus dem geöffneten Fenster des Nachbarhauses Opernmusik klingt und in der Ferne die Grillen zirpen. Aber auch ohne jene Hupkonzerte, die man in Neapel oder Rom erlebt. Ebenso wenig wird man hier von der Antikeüberwältigt, der Renaissance erschlagen oder dem Barock erdrückt, auch wenn jede Epoche in der Stadt und in der Region Spuren hinterlassen hat, die sich sehen lassen können. Und was die Moderne, etwa die Architektur, angeht, gibt es sowieso keine Alternative in Italien. Nein, das ist kein Ort zum Ausspannen, jedenfalls nicht so, wie man das in Siena oder Taormina – dort jeweils auf ganz unterschiedliche Art – machen kann. In Mailand wird man, ganz im Gegenteil, unter Spannung gesetzt. Wer das lebendige, kreative Italien kennenlernen will, wer Anregungen, neue Gedanken sucht und ein Umfeld, wo er sie umsetzen kann, der ist hier richtig. Um einenÜberblicküber die Stadt zu bekommen, sollte man dem Dom aufs Dach steigen. Auf dem Weg dahin kann man sich mit Informationen, Geschichte und Geschichten stärken (und vielleicht unterhalten) lassen.

Typen, Stereotype und der»alte Mailänder Charakter«


Mailand ist eine Stadt, die in Bewegung ist, und wer stehen bleibt, wird zum Verkehrshindernis. Einem Bonmot nach verliert der Mailänder auch bei Tisch keine Zeit und instruiert, kaum Platz genommen, den Kellner:»Bringen Sie mir Primo, Secondo, Caffè, Grappa und die Rechnung.« Angeblich kommen Worte wie»vielleicht« und»ich weiß nicht« in seinem Sprachgebrauch nicht vor.»Der« Mailänder weiß eben alles. Zweifel kennt er nicht, nur Handlungen:»Ich arbeite, ich verdiene, ich gebe Geld aus, ich stelle Ansprüche.«

In der Region geht es da vielleicht ein bisschen gemütlicher zu, aber den Einwohnern der Lombardei, zwischen Lago Maggiore und Gardasee, Alpen und Poebene, sagt man ebenso Zielstrebigkeit und Freude an der Arbeit nach. Sie würden gerne Vereine gründen, heißt es, und auf ihren Besitz achten. Den Lombarden ist allerdings die (angebliche) Arroganz der Mailänder fremd. Diese wiederum lächeln, so kann man in einschlägigen Charakterstudien lesen,über die Provinzialität der Hinterländer,über die Art, wie sie sich kleiden – immer einen Tickübertrieben und knapp hinter der angesagten Mode zurück. Wenn sie am Samstag und Sonntag zum Einkaufen nach Mailand fahren, flüchten die Mailänder und fahren aufs Land. Dann geht es rund um den Comer See oder am Lago Maggiore zu wie in der Stadt. Die Mailänder haben einen großen Fehler, sagt Luca Beltrami Gadola, Bauunternehmer, aber auch Publizist, sie würden die wirtschaftliche, aber auch die intellektuelle Bedeutung des Umlands unterschätzen.

Dabei ist es leichter, mit den Menschen hier auszukommen, als man nach solchen Charakterisierungen denken mag. Reibungen zwischen Stadt und Land sind geradezu klassisch undüberall auf der Welt zu finden. Und dann stimmt das, was man den Menschen hier nachsagt, höchstens in der Tendenz. Und oft nicht im persönlichen Kontakt. Denn was heißt schon»Lombarde«,»Mailänder«? Während des Wirtschaftsbooms der 1960er- und 1970er-Jahre zogen Zehntausende Familien von Süditalien in den Norden, um Lohn und Brot zu finden. Mein Frau Lidia zum Beispiel stammt aus Sardinien. Als sie zwölf Jahre alt war, ist ihre Familie nach Legnano, einer Kleinstadt zwischen Mailand und Varese, gezogen, wo Lidia auch Abitur gemacht hat. Drei ihrer Brüder haben Lombardinnen geheiratet und leben heute mit ihren Kindern und ersten Enkeln in und um Legnano. Mailand ist ihnen zu hektisch. Da lebt der deutsche Schwager, der ihre jüngste Schwester geheiratet hat, mit den zwei Töchtern Gianna und Mara, die inzwischen ihren eigenen Weg durch das metropole Leben suchen. Zur Mailänder Familie gehören auch zwei schwarze Katzen, Rufus und Coco, die am Lago Maggiore geboren sind. So viel zur Charaktermischung.

Ein Schmelztiegel mit 155 Sprachen


Noch heute kommen Menschen aus Sizilien, Kalabrien oder Kampanien in die Lombardei, dieökonomisch wichtigste Region, in der 10 Prozent der Einwohner Italiens leben, die ganze 20 Prozent des italienischen Bruttoinlandproduktes erwirtschaften. Hier gibt es die besten Ausbildungsstätten (neun Universitäten plus eine Kette von privaten Ausbildungsstätten etwa für Design und Mode allein in Mailand) und die interessantesten Jobs. Großzügig und offen sei die Regionalhauptstadt, schrieb einmal der bekannte Journalist und Publizist Indro Montanelli, sie würde jeden aufnehmen, der hier arbeiten oder lernen wolle. Montanelli, der in der Lombardei heimisch geworden war, stamm