So sprach und spricht man in Mecklenburg-Vorpommern– Auf der Suche nach Wörtern, Begriffen und Redewendungen aus Vergangenheit und Gegenwart
„Das Menschlichste, was wir haben, ist doch die Sprache.“ So sagt es jedenfalls kein Geringerer als der Apotheker und Schriftsteller Theodor Fontane. Wenn wir uns also der Sprache, dem gesprochenen und dem geschriebenen Wort einer Region, nähern, dann nähern wir uns auch den Menschen dieser Region, ihrem Fühlen und Denken, ihrem Alltag und ihren Festtagen, ihrer Herkunft und Zukunft, letztlich ihrer Identität. So gesehen ist Sprache unbedingt ein Stück Heimat. Und das gilt natürlich auch für die Heimat der zwischen Ostsee und Binnenland, zwischen Rügen ganz oben und Polz nahe Dömitz ganz unten im Lande lebenden Menschen– den Bewohnern von Mecklenburg-Vorpommern, wie das Land seit Herbst 1990 wieder heißt.
Allerdings ist die Geschichte der in dieser Region gesprochenen Sprache oder, besser formuliert, der hier gesprochenen Sprachen natürlich vielälter als die gut zwei Jahrzehnte, die seitdem vergangen sind. Sie reicht Jahrhunderte zurück. Und sowohl in der Geschichte als auch in der Sprachgeschichte schwingen noch heute Erinnerungen an frühe und noch frühere Zeiten mit. Zugleich lagen Mecklenburg und Vorpommern schon immer mitten in Europa, waren Einflüssen aus anderen Gegenden und Ländern ausgesetzt, die sich auch in ihrer Sprache niedergeschlagen haben. So hört man vielleicht manchen niederländischen, schwedischen oder polnischen Import heraus. Nicht zuletzt spielten und spielen die letzten 100 Jahre mit ihren großen Umbrüchen und Verwerfungen eine entscheidende Rolle. Auch sie brachten historische und sprachgeschichtliche Veränderungen mit sich, wenn diese vielleicht auch nicht immer so offensichtlich und mit einer solchen Geschwindigkeit daherkamen und daherkommen wie das Ziehen, Schließen undÖffnen von staatlichen Grenzen. Dennoch bleiben sie bis in die Gegenwart hinein spürbar und tragen zur Identität der Bewohner von Mecklenburg und Vorpommern bei. Wer sich also den Menschen hier nähern will, der darf und sollte dies auchüber die Begegnung mit ihrer Sprache, mit den von ihnen in früheren und heutigen Zeiten benutzten Wörtern, Begriffen und Redewendungen tun. Zugleich können sich auch die Mecklenburger und Vorpommern in der Beschäftigung mit und der Besinnung auf ihre eigene Sprache gewissermaßen selbst auf die Schliche kommen und sich ihrer eigenen Identität als Bewohner und Gestalter ihres Landes Mecklenburg-Vorpommern vergewissern– egal, ob sie wie schon ihre Eltern und Großeltern bereits hier geboren und aufgewachsen sind oder ob sie erst seit kürzerer Zeit hier leben.
So oder so bekommen es alle mit einer sprachlichen Besonderheit dieses nordöstlichen Bundeslandes zu tun, die ihrerseits wieder viele kleine Besonderheiten aufzuweisen hat– die Rede ist von der niederdeutschen Sprache und von ihrem vielleicht bedrohten Reichtum. Wennüber Mecklenburg-Vorpommern gesprochen wird, dann muss zwangsläufig auch vom Plattdeutschen gesprochen werden, von diesem„Eikbom vull Knorrn un vull Knast“, von welchem schon der Dichter Fritz Reuter (1810 – 1874) schrieb. Aber wie lebendig ist dieser„Eichbaum“ heute?
Wie steht es um das Plattdeutsche in Mecklenburg-Vorpommern?
Die gute Botschaft ist: Das Niederdeutsche gehört nach wie vor zu Mecklenburg-Vorpommern– wie das Schloss zu Schwerin oder der Leuchtturm zu Warnemünde. Es wird nach wie vor gesprochen und geschrieben, man kann es im Radio hören, manchmal auch im Fernsehen, in einigen Schulen wird es gesprochen, und es werden sogar wieder ganz offiziell neue Lehrer für das Plattdeutsche ausgebildet– in Greifswald und Rostock. Nicht zuletzt soll die seit Februar 2013 amtierende Landesbeauftragte für Niederdeutsch an den Schulen die Organisation des Plattdeutsch-Wettbewerbs für Kinder und Jugendliche in Mecklenburg-Vorpommernübernehmen. Außerdem sind in das seit 2010 laufende Landesmodellprojekt„Niederdeutsch in der frühkindlichen Bildung in Mecklenburg-Vorpommern“ schon knapp 20 Kindertageseinrichtungen einbezogen. Es gibt also durchaus Hoffnung für diese kräftige und knurrige, mitunter sehr deutliche und zugleich zärtliche, auf jeden Fall aber wundervolle Sprache, deren Verlust eben auch ein großes Stück Identitätsverlust mit sich bringen würde. Insofern lohnt es sich, danach zu fragen, wie verwurzelt und verbreitet das Plattdeutsche heutzutage tatsächlich noch in Mecklenburg-Vorpommern ist. Wer spricht es noch? Zu welchen Gelegenheiten? Wer versteht es? Welche niederdeutschen Begriffe gehören noch zum Alltag? Und wie modern ist das Plattdeutsche?
Immerhin– das sollte bei der Suche nach Antworten auf die„P-Frage“ nicht vergessen werden– steht das Niederdeutsche sogar in der Verfassung dieses Landes. So heißt es im Artikel 16, der sich mit der Förderung von Kultur und Wissenschaft beschäftigt, ausdrücklich und unmissverständlich:„Das Land schützt und fördert