Neue Erfahrungen für Markus
Es war ein warmer Septembermorgen, an dem Markus und seine Freundin Tanja in ihrem Dorf„Obermühlen“ die Zeitung austrugen. Das Dorf war mit ca. siebenhundert Einwohnern nicht gerade das größte Dorf, immerhin gab es aber ein paar kleine Läden und ansonsten viel Natur und Landwirtschaft, wie es für ein Dorf in der Eifel soüblich ist.
Dementsprechend dauerte das Austragen der Zeitung nicht wirklich lang, das Schlimmere war für Markus und Tanja eher, dass sie an einem Samstag früh aufstehen mussten. Doch irgendwo musste etwas Geld herkommen, schließlich waren die beiden fünfzehn Jahre alt, wenn man in diesem Alter mit seinen gleichaltrigen Klassenkameraden mithalten möchte, sollte man nicht unbedingt mit Klamotten aus Secondhandläden rumlaufen. Ja, auch auf die ländliche Eifel ging dieser Trend langsam rüber, es ist nun einmal nichts mehr so wie früher.
Vor allem Markus war es wichtig, sich was dazu zu verdienen, um seine Mutter etwas entlasten zu können, schließlich war sie allein erziehend und musste ihn und seine dreizehnjährige Schwester Lena versorgen. Seit acht Jahren waren seine Eltern getrennt, zwar lebte sein Vater auch in Obermühlen, dennoch hatte er kein enges Verhältnis zu ihm, das hatte er noch nie und nach der Trennung seiner Eltern wurde es immer und immer weniger. Sein fünf Jahreälterer Bruder Thomas hatte zu seinem Vater ein viel engeres Verhältnis, schließlich lebte er auch bei ihm. Markus dachte sich, dass es einfach daran liegen könnte, dass Thomas eher der Sohn war, den sein Vater sich wünschte, schließlich spielte er wie sein Vater leidenschaftlich Fußball oder fuhr gern mit ihm in den Wald, um Bäume zu fällen oder so was in der Art.Markus war da ein anderer Typ, eher etwas ungewöhnlich für einen Jungen. Er war sehr sensibel, bevorzugte es eher seiner Mutter im Haushalt zu helfen als draußen im Wald mit seinem Vater irgendwas zu arbeiten und konnte sich sehr gut mit kleinen Kindern beschäftigen,deshalb verdiente er sich auch manchmal noch etwas Geld dazu, indem er auf kleine Kinder aufpasste, wenn deren Eltern mal Lust hatten, noch einmal einen Abend für sich zu verbringen.
Da er sich von seiner Art ziemlich von anderen Jungen aus dem Dorf unterschied, hatte Markus nicht wirklich einen Kumpel in seinem engen Freundeskreis, Tanja war eigentlich die Einzige aus dem Dorf, mit der er sich wirklich gut verstand. Sie war ein liebes, quirliges Mädchen mit braunem langem Haar. Ihr konnte er viel erzählen, worüber er sehr froh war. So konnte er auch mit ihr darüber reden, dass er manchmal das Gefühl hatte, sich zu Männern hingezogen zu fühlen, anstatt zu Frauen. Wirklich ernst genommen hat er diese Gedanken aber noch nie wirklich und Tanja meinte auch immer zu ihm:„Markus, du bist in der Pubertät, da fängt man erst mal richtig an zu checken, wer man ist und hat viele Gedanken im Kopf, mach dich jetzt nicht verrückt.“ Sollte er wirklich schwul sein, wäre sie sicherlich die Letzte, die ein Problem damit hätte, aber in so einem Dorf wie Obermühlen wäre er als Homosexueller sicher so etwas wie eine Attraktion und sicherlich würden viele Leute mit dem Finger auf ihn zeigen und das machte Markus ziemlich Angst, weshalb er auch immer wieder versuchte, solche Gedanken schnell wieder zu verdrängen.
Die beiden schlenderten also die Straße entlang und gingen ihrer Arbeit nach. Sie machten sich auf den Weg zum nächsten Haus, welches von einer jungen Familie bewohnt wurde. Vor dem Haus war eine kleine Wiese, auf der eine Schaukel stand. Ein kleines Mädchen mit goldblondem Haar saß auf der Schaukel und wurde von ihrer Mutter angeschubst. Markus kannte die beiden, die Mutter hieß Nadine und das Mädchen war die kleine dreijährige Annabelle, sie war die Tochter von Ralf, dem Trainer der dorfeigenen Fußballmannschaft, in der auch sein Bruder spielte. Zwar hatte Markus sich eigentlich noch nie ein Fußballspiel seines Bruders angesehen, weil es ihn einfach nicht interessierte, aber dennoch kannte er den Trainer Ralf und seine Familie im entfernten Sinne, in so einem kleinen Dorf kannte man eigentlich jeden.
„Moment, Schatz, Mama holt grad die Zeitung, dann schubs ich dich weiter an“, sagte Nadine, als sie auf Markus und Tanja zuging und die Zeitung entgegen nahm,„na ihr zwei, macht’s noch Spaß?“
„Naja, es bringt halt Geld ein, zwar nicht viel, aber passt“, entgegnete Tanja.
„Das glaub ich gerne“, antwortete Nadine und fuhr fort,„aber wenn ihr euch noch was dazu verdienen wollt, habe ich eine Idee für euch: Nächste Woche Freitag sind Ralf und ich auf der Geburtstagsfeier von meinem Vater eingeladen, da bräuchten wir noch jemanden, der sich um Annabelle kümmern kann. Erst sollten dass Ralfs Eltern machen, aber die würden auch gerne auf den Geburtstag gehen. Also wenn einer von euch Lust und Zeit hat?“
Bevor Markus etwas sagen konnte, antwortete Tanja bereits:„Klar, Markus kann ja gut mit Kindern, der hat das ja schon mal gemacht, weil ich hab Freitag keine Zeit.“ Daraufhin schaute Nadine Markus fragend an:„Na, hättest du Lust?“
Markus zögerte, schließlich hatte er noch nicht viel mit der Familie und der kleinen Annabelle zu tun, aber er brauchte das Geld und so antwortete er:„Ja klar, gerne, warum nicht?“
Nadine freute sich sehr darüber und rief Annabelle zu sich.„Hör mal, Maus, am Freitag sind Papa und Mama ja auf dem Geburtstag vom Opa und wir bleiben ganz lange da, aber der Markus hier ist dann daheim und passt auf dich auf, einverstanden?“
Forschend starrte Annabelle Markus an und wirkte noch etwas schüchtern, als sie ihn vorsichtig fragte. ob er denn auch mit ihr spielen könnte.
„Gerne, Anna