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DER BLITZ
DER BEGINN MEINER REISE INS GEBET
SIE STRAHLT
Saulkrastis, Lettland, August 2010
Sie strahlt bis über beide Ohren. In den Sand hat sie mit den Füßen „Jesus“ geschrieben. Sie ist 13 und ihr Englisch brüchig.
Nie vergesse ich diesen Ostseestrand. Es gab keine Lichter hier, das Meer grenzte an den Wald. Bei über 100 Grad saßen wir in der Sauna und die Gläser meiner Brille sprangen. Und danach rannten wir hinaus in die Nacht. Schon dort, wo noch die Bäume standen, war der Boden aus Sand. Kaltem Sand. Doch kräftiger als die Kälte traf uns die Dunkelheit. Lettische Nacht, nur wenige Sterne erhellten die Bucht. Der schwarze Wald öffnete sich zum schwarzen Strand, ging über in die schwarze See. Wir stürzten uns in die eiskalten Fluten. Der Himmel und das Meer gingen schwarz ineinander über. Surreales Gefühl, in einem eiskalten Nicht-Raum zu schwimmen, in dem oben und unten gleich sind.
Von Jesus habe ich gesprochen in den letzten Tagen. Der erste Abend war schrecklich kalt in der alten Schule in Riga. Versteinerte Gesichter. Das Misstrauen kommunistischer Jahrzehnte schien uns entgegenzuschlagen. Doch dann am zweiten Tag zögerliches Lachen bei manchen Witzen. Mitsingen bei einigen Liedern. Und schließlich, wie ich es so oft erleben durfte: Tränen. Tränen der Freude. Tränen des endlich zugelassenen Schmerzes. Lachen und Weinen zugleich. Berührungen von Gott.
Überglücklich und übermüdet sind meine Frau Jutta, unser kleiner Sohn David und ich in dem Dorf an der bewaldeten Bucht angekommen und spazieren nun an der wildromantischen See entlang. Über uns das pink-violett-gelbe Farbspektakel der zwischen Wolkentürmen untergehenden Sonne.
Und da treffen wir sie. Mit ihren dreizehnjährigen Füßen „Jesus“ in den Strand malend. Und aufgeregt grinsend, wie es nur eine Dreizehnjährige kann, erklärt sie mir in ihrem Schulenglisch, heute sei der Tag, an dem sie Jesus ihr Leben übergeben habe. Einige Jahre zuvor habe ich für unsere Jugendgruppe ein kleines Buch mit sechzig Impulsen für sechzig Tage geschrieben. Irgendwann ist es ins Lettische übersetzt worden. Und nun zeigt sie mir strahlend ihr Exemplar von „Basic“. Die Graffiti-Illustrationen daraus hat sie abgezeichnet und ist Tag für Tag den Schritt gegangen, der jeweils vorgeschlagen ist. Und heute hat sie ihr Leben Jesus übergeben. Mit 13. In Lettland. Voller Dankbarkeit, Staunen und Verwunderung denke ich an den Moment zurück, als Gott mich gerufen hat …
FRÜH GERUFEN
Gerufen hat mich Gott schon sehr früh. Nach den Sturm-und-Drang-Jahren der 68er hatten meine Eltern in einem Bibelkreis ihren Glauben wiedergefunden und prägten unseren Familienalltag mehr und mehr mit Elementen eines geistlichen Lebens. Doch das Vorbild gelebten Christseins, die normative Messlatte, verbarg sich hinter den Mauern eines großen Gebäudekomplexes in der Nachbarschaft. Es war das Christsein in der Lebensform des Benediktinerklosters Metten, in dessen Lichtschatten ich aufwachsen durfte. Freilich war dort nicht alles heiliges Gold, was im barocken Ornament glänzte. Und doch wurde mein junges Herz mit einer Ahnung für das Heilige, das Sakrale und unbedingt Transzendente imprägniert, die es wohl nie wieder verlieren wird.
Gerufen schließlich durch den explosiven Einbruch von Schönheit und Freude, für den ich später das Wort „meine Bekehrung“ fand. E