: Marion Alexi
: Fürsten-Roman 2455 Mein Herz gehört nur dir allein
: Verlagsgruppe Lübbe GmbH& Co. KG
: 9783732502011
: Fürsten-Roman
: 1
: CHF 1.80
:
: Erzählende Literatur
: German
: 64
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Die Geigerin Feodora Sonntag, genannt Feo, lebt zusammen mit ihrem Vater Linus in einem alten Haus auf dem Besitz der Fürstenfamilie Rudeloff. Seit Generationen schon währt die gute Nachbarschaft mit den Rudeloffs, und in ihrer Jugend war Feo unsterblich in den Fürstensohn Benedikt verliebt. Auch heute kann die junge Frau Benedikt noch immer nicht vergessen, aber der lebt inzwischen in Italien und hatte lange keinen Kontakt zu seiner Jugendfreundin. Als Benedikt eines Tages seine Rückkehr ankündigt, weil er seinen dreißigsten Geburtstag in seiner Heimat feiern will, schlägt Feos Herz höher. Sehnsüchtig erwartet sie den geliebten Mann, doch als er eintrifft, erlebt die hübsche Geigerin eine böse Überraschung ...

»Feo!«, keuchte eine aufgeregte Frauenstimme aus den Tiefen des Turms.»Sind Sie dort oben?«

Das heftige Atemholen hallte im jahrhundertealten Mauerwerk des von Kletterrosen umrankten Turms wieder.

Die Angesprochene ließ nicht erkennen, ob sie Frau von Wolfsgrund gehört hatte. Feo Sonntag stand dort, wo sie am liebsten war – nämlich hoch oben auf dem Schlossturm, der im Volksmund»Dornröschenturm« genannt wurde. Von dort genoss die junge Frau den fantastischen Ausblick.

Sie atmete die Luft in tiefen Zügen, hob ihr Gesicht zu der in glühenden Farben untergehenden Sonne empor und ließ sich von der leichten, warmen Brise streicheln, die den betörend süßen Duft von Frühlingsblumen mitbrachte. Schwalben kreisten weitüber dem Turm im blauen Himmel, der sich am Horizont schon violett färbte.

»Feo«, ließ sich Frau von Wolfsgrund erneut vernehmen, deutlich atemloser, denn die steilen Stufen der schier endlosen Wendeltreppe machten ihr zu schaffen,»ich hoffe inständig, Sie dort oben anzutreffen.«

Dieältere Dame pausierte schnaufend auf einem der schmalen Treppenabsätze. Sie war jetzt so außer Puste, dass sie nicht mehr sprechen konnte.

Während sie sich mit ihrem Taschentuchüber das Gesicht wischte, blickte sie nach oben und registrierte erleichtert den rosenfarbenen Lichtschimmer im Turm. Sie hatte es also nicht mehr allzu weit. Mit letzter Kraft zog sie sich am schmiedeeisernen Geländer weiter.

Feo Sonntag hatte unterdessen beide Arme auf die Steinbrüstung gestützt und lächelte versonnen. Dieses Lächeln galt jedoch nicht dem lieblichen Anblick. Die junge, zierliche Frau mit dem mehr als schulterlangen glatten Haar seufzte sehnsüchtig auf. Alles war wie damals, alser sie hier oben in einsamer Höhe geküsst und ihr versprochen hatte, sie nie zu vergessen …

»Wusste ich’s doch, dass Sie hier sind, Feo!« Frau von Wolfsgrund hatte es geschafft, die letzte Stufe der Wendeltreppe warüberwunden.

Nur mühsam hielt sie sich aufrecht, und ihr tiefes, keuchendes Atemholen schien für Momente die lustvollen Schreie der Schwalben zuübertönen.

»Frau von Wolfsgrund!« Feo war sofort bei ihr, um sie zu stützen.»Sie Arme, Sie sind ja total fertig!«

»Kein Wunder, ich bin ja schon lange nicht mehr so jung wie Sie, Feo. Beneidenswert jung und elastisch.« Sie blickte sich neugierig um, denn ihr war es ein Rätsel, weshalb Feo sich so oft die Mühe machte, die Stufen des alten Turmes zu erklimmen.

Nicht für Geld und gute Worte würde sie sich noch einmal dieser Strapaze aussetzen, schöne Aussicht hin, frische Luft her. Frau von Wolfsgrund sehnte sich nach ihrer hübschen kleinen Wohnung im Westflügel von Schloss Freudenthal.

Dort lebte sie zusammen mit ihrer Angorakatze ein zurückgezogenes, doch wunderbar friedliches Leben. Wenn ihre zahlreichen Pflichten es ihr erlaubten, schrieb sie an ihren Memoiren, die auf ihren ausführlichen Tagebucheintragungen fußten. Oder sie nahm die Einladung des Hauptgärtners Severin zu einer Partie Schach an.

Feo Sonntag freute sichüber den Besuch derälteren Dame. Sie zeigte ihr begeistert die schönsten Aussichtspunkte und schwärmte vom Frühling – und der war diesmal besonders schön.

»Sehen Sie dort hinten den See mit dem Steg?«, fragte sie.»Benedikts Boot sollteüberholt werden, die lange Liegezeit hat dem Holz gewiss geschadet. Und er ist doch immer so gern gesegelt. Abendstimmungen wie diese liebte erüber alles. Wenn die Glocken der Marienkirche läuteten, musste ich immer ganz still sein.«

Frau von Wolfsgrund und den meisten Bewohnern von Schloss Freudenthal war längst klar geworden, dass Feo den Turm nicht allein bestieg, um sich fit zu halten. Hier oben in luftiger Höhe konnte sie vielmehr ungestört in Erinnerungen schwelgen und sich in jene Jahre zurückträumen, als sie und der junge Fürst unbeschwert glücklich hatten sein dürfen.

»Schauen Sie, wie die Abendsonne die Fensterscheiben feuerrot färbt!«, rief Feo mit erhitzten Wangen.»Als würde es dahinter brennen.«

Sie strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht und deutete auf den kopfsteingepflasterten Innenhof mit dem Spalierobst, das an den grauen Mauern prächtig gedieh, auf die beeindruckend weiten Flächen dunkler Dächer und die steinernen, heraldischen Löwen und Adler, die mit grimmigen Mienen an jeder Giebelecke hockten.