„Ich will nichts essen, das Alfalfa heißt.“
Das klang kindisch, aber das war mir egal. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und wartete auf Johannes’ immer gleichen Einwand. In wenigen Sekunden würde er sagen, dass die Ausbeute an Vitaminen im Vergleich zur Kalorienzahl der Hammer sei.
„Die Sprossen haben im Gegensatz zu ihrem Brennwert einen bombastischen Vitamingehalt!“
Oha, er ließ den Hammer aus und marschierte, ohneüber Los zu gehen, direkt zur Bombe.
„Marzipanschokolade hat im Vergleich zu ihrem Fettgehalt einen bombastischen Geschmack.“
„Schokolade?“, schnaubte er.„Null vegan, absolut null.“
„Alfalfa? Null lecker, absolut null.“
„Aber gut fürs Gewicht“, erwiderte er und kniff mir in die Rolle, die sich partout nicht in die Hüftjeans schieben ließ. Wer diese Hosen erfunden hatte, war ein Frauenhasser. Alles quoll raus. Hosen sollten am besten bis zur mittleren Rippe gehen. Dann war alles gut verstaut. Johannes konnte man nur in die Augäpfel oder in die Hoden kneifen. Vermutlich waren das die einzigen nicht durchtrainierten Teile seines Körpers. Hatten Hoden eigentlich Muskeln? Augen ja, sonst könnte man sie nicht rollen. Aber Hoden? Die hingen da nur unmotiviert in der Gegend rum. Hatte da schon mal jemand geforscht? Das musste ich unbedingt googeln. Ich beugte mich in den Fußraum und angelte nach meiner Tasche.
Mit einem Ruck kam der Wagen zum Stehen. Ich knallte mit dem Kopf ans Handschuhfach und hinterließ dort einen Abdruck meiner Stirn.
„Aua!“
„Wir sind da“, sagte Johannes und stieg aus.
Ich rieb mir die Stirn und pellte mich aus dem Gurt. Draußen lief Johannes um das Auto herum— wie ein—; Hütehund, der aufpasste, dass die Reifen nicht gleich in unterschiedliche Richtungen das Weite suchten. Kaum war ich ausgestiegen, rannte er voraus und umrundete die Plexiglas-Garage der Einkaufswagen.
Neben unserer schwedischen Familienschaukel, ein zu weit vorausschauendes Geschenk von Johannes’ Eltern, hielt ein schwarz glänzender Mercedes Kombi. Kaum stand das Auto, ging automatisch hinten die Klappe auf, ein Yeti sprang raus und landete auf vier Beinen. Mit einem spitzen Schrei wich ich zurück und prallte gegen unseren Volvo. Gingen Yetis nicht aufrecht, und, falls nein, waren die Vier-Fuß-Yetis gefährlicher? Das musste ich auch googeln. Der Yeti spitzte die Ohren und kam auf mich zugetrabt. Oh Gott! Fletschte der die Zähne? Und, falls ja, wo waren dieüberhaupt? Was tat man, wenn man von so einem Vieh bedroht wurde? Als ich noch hin und wieder mit Johannes gelaufen war, hatte er mir eingeschärft, was man in so einer Situation tun sollte. Dazu hatte er auch etwas in seinem Lauftipp-Blog geschrieben. Aber was war es bloß gewesen? Der Hunde-Yeti pirschte langsam näher. Wo war denn sein Herrchen? Eine weizenblonde, kleine Frau in Jeans stieg telefonierend aus dem Mercedes, schaute kurz zu uns herüber und sprach einfach weiter. Hallo? Ihr Raubtier nahm Maß— und sie plauderte? Vermutlich konnte die zarte Person dieses Vieh sowieso nicht halten und warf daher lieber Fremde dem Tier zum Fraß vor.
Endlich fiel es mir ein! Arme hochreißen, rudern und schreien. Das war’s. Dann würde er den Rückzug antreten.
„AAAHHHH! JIHAIIIII! ANDELE! ANDELE! AAAAAHHHHHHHH!“ Ich schrie und rollte mit den Armen wie eine Windmühle auf Speed.
Der langhaarigen Blondine fiel das Telefon aus der Hand. Sie starrte mich mit offenem Mund an, der Hunde-Yeti senkte seinen Kopf, wuffte und schnellte wieder hoch. Direkt vor mir stoppte er, machte Bocksprünge, rannte zu seinem Frauchen, buckelte jetzt und war mit zwei Sätzen wieder bei mir. Okay, also noch mal!
„JIHAIIIIII! ANDELEEEEE!“ Wieder ruderte ich. Hoffentlich hielten die Arme in ihrer Verankerung.
Der langhaarige Hund warf seinen Kopf in den Nacken und jaulte wie eine Sirene. War das der Angriffsruf? Im Augenwinkel sah ich, dass Johannes den Einkaufswagen stehen ließ und auf uns zu rannte. Die Hundebesitzerin stützte sich an ihrem Autodach ab und ... lachte! Die lachte? Ihr Riesenviech wollte mich fressen, und die kriegte sich gar nicht mehr ein? Johannes stand plötzlich neben mir und stoppte meine Windmühlenarme. Sofort hörte der Hund mit seinem Geheul auf.
„Sag mal, spinnst du jetzt total?“, zischte Johannes.
„Spinnen? Wenn ich nicht so geistesgegenwärtig gewesen wäre, hätte mich das Monster zerrissen!“
Der Hund beobachtete uns