Erfahrungen aus der Kinderarztpraxis
Wenn frisch gebackene Elternihre Sprösslinge nach einigen Wochen oder Monaten stolz ihren Freunden und Bekannten vorstellen, wird eine Frage ganz besonders oft gestellt:»Schläft es schon durch?« Alle Mütter und Väter wissen: Das ist eine gute Frage.
»Hilfe, ich kann nicht mehr!«
Ob sie die ersten Lebensmonate ihres Kindes einfach genießen können oder aber diese Zeit als ausgesprochen anstrengend empfinden und täglich mit Stress und mit zunehmender Erschöpfung kämpfen müssen– das hängt zu einem guten Teil mit der Antwort auf diese Frage zusammen.
Auch die Kinderärzte wissen davon ein Lied zu singen. Mehrmals täglich kommen Eltern in die Praxis, die ganz stolz und glücklichüber die Fortschritte ihres Kindes berichten und zum Schluss seufzen:»Aber wenn sie doch nur besser schlafen würde ...« oder»Wann wird er endlich aufhören, mich jede Nacht mehrmals aus dem Bett zu holen? Ich kann bald nicht mehr!«. Dr. Morgenroth, dem Mitverfasser dieses Buches, hat es lange Zeit sehr zu schaffen gemacht, dass er als Kinderarzt kaum wirkungsvolle Ratschläge geben konnte.
17 Fläschchen pro Nacht
Besondere Anteilnahme weckte bei uns die Geschichte der Zwillinge Peter und Annika. Von Anfang an musste die ganze Familie aus Platzgründen gemeinsam in einem Zimmer schlafen. Die Kinder wollten alle ein bis zwei Stunden trinken, und das bedeutete: 17 Fläschchen wurden Abend für Abend fertig gemacht, jeweils eines warm gestellt.
Die Eltern wechselten sich beim Füttern ab, waren zunehmend zermürbt und verzweifelt und hofften auf Besserung. Es wurde aber nicht besser– auch nicht, als der Kinderarzt gegen seineÜberzeugung Beruhigungsmittel verordnete. Es wurde immer noch nicht besser, als die Kinder nach dem Umzug in eine größere Wohnung getrennt schlafen gelegt wurden. Mit zwei Jahren konnten sie sich zumindest die bereitgestellten Flaschen selbst nehmen, die Eltern mussten nur noch drei- bis viermal aufstehen. Aber erst mit vier Jahren wurden die Zwillinge während eines Urlaubs vom Fläschchen entwöhnt und schliefen von nun an durch.
Wir wissen inzwischen, dass man den Eltern all die Erschöpfung, den ständigen Schlafmangel und die Belastung der eigenen Beziehung durch die extreme Aufopferung hätte ersparen können!
Babys und Kleinkinder, die abends nicht einschlafen wollen oder nachts mehrmals wach werden, sind fast nie»Problemkinder«, mit denen etwas nicht stimmt. Im Gegenteil: Sie sind lernfähige kleine Persönlichkeiten. Sie reagieren völlig normal und folgerichtig.
Auch die betroffenen Eltern brauchen keine Angst zu haben, dass mit ihnen irgendetwas nicht stimmt. Wir haben bei unseren zahlreichen Beratungsgesprächen viele ganz besonders liebevolle und hoch engagierte Eltern kennen gelernt, die bereit waren, alles für ihr Kind zu tun.
Wir wissen jetzt: Alle gesunden Kinder, die mindestens sechs Monate alt sind, können nachts durchschlafen. Wenn sie es noch nicht tun, können sie es lernen. Sogar schnell. Das ist doch wirklich eine gute Nachricht, oder?
Wie alles begann: Erfahrungen mit den eigenen Kindern
Auch ich warüberzeugt, eine liebevolle und engagierte Mutter zu sein. Meine ersten beiden Kinder waren anstrengend. Das bedeutete: Insgesamt fünf Jahre lang fast jede Nacht mehrmals aufstehen. Als das endlich ausgestanden war, meldete sich das dritte Kind an. Ich dachte:»Bei einer so erfahrenen Mutter wie mir kann ja nun nichts mehr schiefgehen. Diesmal wird sicher alles gut klappen.« Tatsächlich liefen die ersten Lebenswochen recht harmonisch ab. Doch jeälter die kleine Andrea wurde, destoöfter wollte sie nachts an die Brust. Sie schlief deshalb irgendwann nicht mehr in ihrem Kinderbett, sondern der Einfachheit halber im Ehebett. Mein Mann war frustriert ins Dachzimmer gezogen, damit zumindest er einigermaßen schlafen konnte.
Ungefähr siebenmal wurde Andrea im Alter von sieben Monaten nachts gestillt, ab vier Uhr morgens schlief sie kaum noch richtig. Alle 15 bis 30 Minuten schreckte sie hoch und wollte wieder nuckeln. Auch tagsüber dachte sie nicht daran, in ihrem Bettchen zu schlafen.
Nur unterwegs im Auto und im Kinderwagen genehmigte sie sich ab und zu ein halbes Stündchen Schlaf, allerdings zu ganz unterschiedlichen Zeiten. Es kamen insgesamt nicht mehr als neun Stunden Schlaf zusammen. Für mich natürlich noch viel weniger– und immer nur 30 Minuten bis höchstens zwei Stunden am Stück. Da nützte alle Erfahrung als Mutter und alles Fachwissen als Psychologin nichts. Und die zahlreichen Elternratgeber? Fehlanzeige. Bestenfalls war darin zu lesen, dass sich die Eltern bei der nächtlichen Betreuung abwechseln sollten. Oder es stand darin, dass die meisten Kinder mit drei Monaten durchschlafen. Und wenn nicht, warum nicht? Und was tun? Kein Wort darüber, kaum ein hilfreich