Viktoria Gerster hatte das Gefühl, zu schweben. Ihre Kufen schienen das Eis kaum zu berühren. Sie drehte eine Pirouette nach der anderen, um schließlich in den Armen von Leon Burmeister, ihrem Eiskunstlaufpartner, zu landen.
Aus den Boxen in der riesigen Trainingshalle von Oberhausen schallte eine schnellere Version der berühmten»Habanera« aus der Oper»Carmen«. Es war die perfekte Musik für ihre Kür.
Leon gab Viktoria wieder frei. Nur widerwillig, wie es schien, denn er spielte den Liebhaber wie kein anderer. Sein Verlangen war förmlich spürbar. Vielleicht lag es aber auch daran, dass Viktoria und Leon nicht nur auf dem Eis ein Liebespaar waren, sondern auch privat. Ihre Leidenschaftübertrug sich auf ihre Kunst.
Viktoria nahm die Schlusspose ein, und die Musik verstummte. Einen Moment lang verharrte das Paar ohne jede Regung. Viktoria spürte Leons Atem an ihrem Nacken und seine starken Hände, die ihre Taille umfassten. Es war, als würde die Zeit stehen bleiben.
»Das war sehr gut«, unterbrach ihre Trainerin Sonja Wiesler den Zauber, der sich um sie gelegt hatte.»Du musst bei der Catch Spiral das Bein noch etwas mehr durchdrücken«, gab sie hilfreiche Tipps und warf sowohl Viktoria als auch Leon je ein Handtuch zu.
»Bein mehr durchdrücken, ist vermerkt«, sagte Viktoria erschöpft, aber dennoch insgesamt zufrieden mit ihrer Leistung.
Sie hatte das Gefühl, die Kür hatte nie besser gesessen. Wenn sie eineähnliche Darbietung bei den Wettkämpfen schafften, waren die Chancen auf das Siegertreppchen gar nicht so schlecht. Vor allem beim freien Stil liefen Leon und sie förmlich zur Höchstform auf.
»Und gibt es auch etwas an mir zu bemängeln?«, fragte Leon, aber Sonja schüttelte den Kopf.
»Alles bestens. Wie immer.«
»Du bist eben unser Zugpferd«, sagte Viktoria und fuhr zum Rand der Bahn.
Dort schnappte sie sich ihre Tasche und nahm einen Schluck aus ihrer Wasserflasche. Dabei blinzelte sie in den Zuschauerraum. Bildete sie es sich nur ein, oder saß dort hinten tatsächlich jemand?
Sie schüttelte den Kopf. Das Licht von der Bahn blendete zu stark, sie konnte es nicht mit Gewissheit sagen. Etwas gruselig wäre es aber schon, wenn sie einen heimlichen Zuschauer gehabt hätten.
»Machen wir für heute Schluss«, entschied Leon und stieg auch schon aus seinen Schlittschuhen.
»Ist mir recht.« Viktoria sehnte sich nach einer heißen Dusche.
So schnell sie nur konnte, begab sie sich in ihre Umkleidekabine und duschte. Anschließend föhnte sie sich die Haare. Immer wenn diese frisch gewaschen waren, kringelten sie sich ein wenig, doch das legte sich meist sehr schnell, was Viktoria schade fand. Dunkle Locken konnten entzückend aussehen.
Kaum war sie mit ihren Haaren fertig, klopfte es an der Tür.
»Ja? Wer ist denn da?«, fragte sie neugierig.
»Ich bin es, Luise. Darf ich reinkommen?«
»Aber natürlich.«
Luise von Gutleben war Viktorias Managerin. Die Eisprinzessin konnte sich für diesen Job keine Bessere vorstellen. Luise war engagiert und wollte Leon und Viktoria als Paar groß rausbringen. Sie hatte Beziehungen und Know-how. Beides war unerlässlich, wenn man in dieser Branche mithalten wollte.
Luise trat ein und rückte ihre Brille zurecht.
»Das war wirklich eine gute Vorführung«, lobte auch sie.
Also hatten sie tatsächlich einen Zuschauer gehabt.
»Vielen Dank.« Viktoria freute sich ehrlichüber das Lob ihrer Managerin.
Sie wusste, dass Luise immer ehrlich war und auch Kritik anbrachte, wenn diese nötig war. Wenn sie also die Vorführung für gut erachtete, bedeutete das schon etwas.
»Ich möchte dirübrigens jemanden vorstellen«, fuhr Luise fort.
»Ach ja? Wen denn?«
»Einen eventuellen neuen Sponsor.«
»Tatsächlich?«
Das wäre großartig. Ausgerechnet jetzt, da die Wettkampfsaison in wenigen Wochen begann, hatten sie finanzielle Engpässe zu beklagen. Der vorherige Geldgeber war kurzfristig abgesprungen und hatte so ein mächtiges Loch in die Kasse gerissen. Ein neuer Sponsor käme also gerade recht.
»Komm mit, er wartet schon auf dich.«
»Er ist hier?«, fragte Viktoria erstaunt.
Sie hatte damit gerechnet, dass Luise einen Termin in ihrem Büro mit ihm vereinbaren und Leon und Viktoria dazu einladen würde.
&r