»Aufwachen, Schatzerl!« Dr. Benjamin Hoffmann musste schmunzeln, als der goldblonde Haarschopf seiner Liebsten nach dieser Aufforderung nur etwas tiefer unter der Bettdecke verschwand.»Frau Kollegin, die Pflicht ruft.«
»Mei, Ben, lass mich schlafen! Es kann unmöglich schon sieben Uhr sein«, kam ein gequältes Seufzen unter der Decke hervor.
»Leider ist es bereits halb acht«, erwiderte der junge Doktor unbarmherzig.»Und da du dich weigerst, wach zu werden, muss ich wohl als Erster unter die Dusche gehen!«
Diese Drohung wirkte. Melanie schob die Bettdecke zurück, gähnte herzhaft und mahnte:»Wag es net! Du weißt genau, dass ich erst nach einer wechselwarmen Dusche halbwegs wach bin und Frühstück machen kann.«
Der junge Mann seufzte.»Na schön, dann lasse ich dir den Vortritt. Aber nur, wenn du dich ein bisserl sputest. Oder sollen unsere Patienten heut vielleicht vor verschlossener Tür stehen, wenn sie in die Sprechstunde kommen?«
»Das wäre allerdings unverzeihlich«, spöttelte Melanie und schwang die langen, schlanken Beine aus dem Bett.»In zehn Minuten bin ich fertig, Ehrenwort!«
Es dauerte dann doch ein wenig länger, bis das junge Paar zusammen beim Frühstück saß.
Melanie Berg und Benjamin Hoffmann waren seit drei Jahren zusammen. Sie hatten sich an der Uni kennengelernt und ineinander verliebt. Damals war Melanie noch mit einem anderen Medizinstudenten verbandelt gewesen, einem gewissen Karsten Eder.
Benjamin war sehr eifersüchtig auf den Sohn aus gutem Hause gewesen, auf den nach dem Examen bereits eine eingerichtete Praxis wartete. Daneben hatte der Bauernsohn aus dem Berchtesgadener Land sich ein wenig minderwertig gefühlt. Schließlich konnte er Melanie nichts bieten, was für Karsten Eder ganz selbstverständlich war: teure Theaterkarten, exklusive Restaurants, Wochenenden auf Skihütten oder am Meer zur Entspannung.
Benjamin hatte seine Freizeit zwischen Lernen und Jobben aufteilen müssen. Seine Eltern hatten ihn nach Kräften unterstützt, aber er wollte ihnen nicht zu sehr auf der Tasche liegen.
Ihr Hof war klein und warf nicht mehr viel ab. In der Zwischenzeit hatten sie alles verkauft und verbrachten ihren Lebensabend auf Mallorca, wo sie eine geräumige Wohnung besaßen. Benjamin hatte die Eltern dort noch nicht häufig besucht, denn er war sehr heimatverbunden und konnte einfach nicht verstehen, wieso sie den Hof verkauft hatten.
Er selbst hätte in seinem Heimatdorf gern eine Landarztpraxis eröffnet, wofür er den elterlichen Hof durchaus hätte nutzen können. Aber diese Chance war dahin.
Nun war der junge Mediziner auch nicht gerade unzufrieden. Er hatte sich zusammen mit Melanie eine Praxis in Berchtesgaden aufgebaut, die gut lief.
Oft plagte ihn aber das Heimweh. Und der heimliche Wunsch, auf dem Land zu leben, erfüllte sein Herz. Heimlich musste dieser Wunsch auch bleiben, denn seine Liebste hatte dafür so gar keinen Sinn. Manchmal fragte Benjamin sich ernsthaft, warum Melanie sich für ihn entschieden hatte. Alles, was Karsten Eder ihr hatte bieten können, entsprach doch viel mehr ihren Wünschen und Vorstellungen …
»Du bist so still heut Morgen«, sagte Melanie nun in seine Gedanken hinein.»Kater oder einfach nur Müdigkeit?«
»Weder noch. Mir geht so einiges im Kopf herum«, gab der junge Arzt zu und musterte seine Freundin nachdenklich.
Melanie war eine sehr schöne junge Frau mit dem goldblonden Haar, den klaren, grauen Augen und dem ebenmäßigen Gesicht. Er hatte sie lieb und wünschte sich mehr als diesen Zustand, in dem sie lebten. Aber davon wollte sie nichts wissen.
»So nachdenklich? Willst du mir auch verraten, worüber du nachdenkst?«, forschte sie nun.»Vielleichtüber Sinn und Unsinn deiner Kräutermedizin?«
»Meli, ich bitte dich!« Er verdrehte leicht genervt die Augen.»Darüber sollten wir nimmer diskutieren, das hat eh keinen Sinn. Du magst dich net auf meinen Standpunkt einlassen. Und ich habe keine Lust, eine hartgesottene Schulmedizinerin zuüberzeugen. Das würde doch net klappen.«
»Kann schon sein.« Sie hob die Schultern und trank einen Schluck Kaffee.»Also, was geht dir dann im Schädel herum? Sagst du es mir freiwillig, oder muss ich weiter raten?«
»Weißt du, Schatzerl, die Hochzeit von Flori und Kerstin, die war wirklich schön, findest du net auch?«
»Ein nettes Wochenende auf dem Land«, pflichtete sie ihm bei.»Es ist allerweil herzig, wenn gute Freunde heiraten. Da muss man schließlich dabei sein, das ist man sich schuldig.« Ihre Stimme klang leicht ironisch, was ihm nicht entging. So war es immer, wenn sie auf das Thema H