Einüberraschend warmer Frühlingswind wehte die klagenden Laute der Totenglocke zu dem Trauerzug hinüber, der sich von der Schlosskapelle ausgehendüber die gepflegten Kieswege des fürstlichen Parks schlängelte.
Der Frühling hatte praktischüber Nacht Einzug im Land gehalten, doch der tragische Unfalltod des Schlossherrn Maximilian Fürst von Ronstedtüberschattete alles.
Die junge Witwe führte den Trauerzug mit eiserner Beherrschung an. Louisa von Ronstedts Gesicht schien vor Schmerz wie erstarrt, eine dunkle Brille verbarg ihre vom Weinen geröteten Augen. Die Fürstin trug ein tiefschwarzes Kostüm, das viel zu groß für sie wirkte, obwohl es erst am Morgen in aller Eile enger genäht worden war.
Maximilians Freunde hatten Louisa angeboten, alles Notwendige in ihrem Sinne zu regeln, doch die Fürstin hatte darauf bestanden, die Beisetzung allein vorzubereiten.
Allmählich spürte Louisa jedoch, wie ihr die Kräfte schwanden. Nur noch ein paar Stunden, beschwor sie sich selbst, dann würden all diese Menschen Schloss Ronstedt wieder verlassen haben, und sie würde endlich angemessen um ihren geliebten Mann trauern können.
Für einen flüchtigen Moment stockte Louisa, als sie die frisch ausgehobene Grube unter der alten Kastanie erblickte. Sie hatte diese Stelle persönlich als letzte Ruhestätte für Maximilian ausgesucht. Von hier aus hatte man einen Blick weitüber das Land derer von Ronstedt.
Der Rest des Weges kam Louisa unendlich weit vor. Erneut drohten sie die Kräfte zu verlassen, was der junge Mann an ihrer Seite instinktiv zu fühlen schien, denn er umfasste ihren mager gewordenen Arm rasch mit festem Griff.
Ein Beben durchlief Louisas zierliche Gestalt, dann schritt die Fürstin entschlossen weiter.
In dem Moment, in dem der Trauerzug die letzte Ruhestätte des Fürsten erreichte, verstummte die Totenglocke. Der Priester betete laut, und nach kurzem Zögern schlossen sich die Trauernden seinen Fürbitten an.
Louisa von Ronstedt schien mehr und mehr in sich zusammenzusinken. Als der schlichte dunkle Sarg der Erdeübergeben wurde, folgte ihr tränenverschleierter Blick fassungslos seinem Weg in die Tiefe. Noch immer konnte sie nicht glauben, dass darin ihr Ehemann lag.
Maximilian hatte so viele Pläne gehabt und vor Kraft und Lebensfreude nur so gestrotzt. Und dann, von einer Minute auf die andere, war alles vorbei gewesen. Dabei gab es noch so vieles, was sie ihm zu sagen gehabt hätte. Nun blieben all diese Worte unausgesprochen.
Der Priester ließ eine Schaufel Erde auf den Sarg fallen. Dann bedeutete er der Witwe, es ihm gleichzutun. Doch Louisa rührte sich nicht.
Sanft drückte der junge Mann an ihrer Seite ihren Arm und nickte ihr auf ihren fragenden Blick hin auffordernd zu. Sie begriff, zögerte aber noch einen flüchtigen Moment, ehe sie an das offene Grab trat und ihre Hand, mit der sie eine rote Rose umklammerte, mechanischöffnete.
Die halb erblühte Blume fiel in die Tiefe, und noch ehe sie ihr Ziel erreicht hatte, machte Louisa auf dem Absatz kehrt. Ohne einen Blick zurückzuwerfen, bahnte sie sich ihren Weg durch die Trauergemeinde, die unwillkürlich eine Gasse bildete, durch die Louisa davonging.
Anfangs waren ihre Schritte schwerfällig und schleppend. Dann aber beschleunigte die junge Fürstin, sodass sie am Ende beinahe rannte. Erst am Fuße der Freitreppe hielt sie, nach Atem ringend, inne.
»Louisa!« Der junge Mann, der sie auf ihrem Weg zur letzten Ruhestätte ihres Mannes fürsorglich begleitet hatte, erreichte sie ebenfalls atemlos.»Louisa, geht es dir gut? Kann ich etwas für dich tun?«
Einen Moment lang schien es, als habe sie ihn nicht gehört, dann schüttelte sie den Kopf.
»Wie könnte es mir gut gehen?«, fragte sie.»Max hat mich für immer verlassen. Sag, Stefan, wie könnte es mir gut gehen?«
»Entschuldige, Louisa, es war dumm von mir …« Stefan Prinz von Ronstedt, der Neffe des Verstorbenen, senkte hilflos den Kopf.
»Nein, entschuldige du, Stefan.« Sie legte ihre schlanke Hand auf seinen Arm.»Du hast in den letzten Tagen so viel für mich getan, ihr alle … und ich … ich … Ach, verdammt …«
Tränen strömten jetztüber ihre Wangen. Sie versuchte, sie mit dem Handrücken fortzuwischen – ein schier hoffnungsloses Unterfangen.
Hastig machte Louisa auf dem Absatz kehrt, erklomm die Freitreppe und verschwand durch das zweiflügelige Portal, das sich wie von Geisterhand