»Hallo, Andrea!«
Überrascht drehte Notärztin Andrea Bergen sich um. Hinter ihr stand ihre Freundin Katja Lindinger. Sie trug ihre grüne OP-Kleidung und hatte ihr langes braunes Haar hochgebunden. In der Hand hielt sie, wie Andrea, einen Teller mit Kartoffelsalat.
Katja schmunzelte und deutete auf den Teller.»Mariechens Kartoffelsalat ist einfach der beste.«
»Das will ich doch meinen!«, rief Mariechen Brückmann, die Wirtin des Casinos, fröhlich. Sie stand hinter der Kasse und nickte Andrea zu.»Macht zwei Euro fünfzig für die Notärztin.«
»Ist da der Rabatt schon drin?« Andrea grinste sie an.
»Heute ohne Rabatt«, entschied Mariechen und verkniff sich das Grinsen.»Wie ich Sie beide kenne, setzen Sie sich gleich an einen Tisch.«
»Da könnten Sie recht haben«, antwortete Andrea und fragte Katja:»Hast du noch ein bisschen Zeit?«
»Für dich immer.« Katja lächelte ihre Freundin an.»Ich wollte dich sowieso noch etwas Wichtiges fragen.«
Andrea bezahlte ihren Kartoffelsalat und ging voraus zu einem der Tische.
»Gibt es auch Rabatt für OP-Schwestern?«, fragte Katja neugierig.
»Der ist nur für Notärzte«, erklärte Mariechen und musste lachen.»Die besetzen nämlich nie einen Tisch, weil sie sofort wieder davonlaufen.«
Katja verdrehte die Augen und folgte Andrea in eine gemütliche Nische im Casino.
»Gibt es wirklich einen Notärzterabatt?«, wollte sie dann von Andrea wissen.
»Nein, das ist nur so ein Witz zwischen Mariechen und mir. Irgendwann hat sie mal zu mir gesagt, dass ich Rabatt bei ihr bekomme, weil ich nie Zeit habe, mich zu setzen.«
»An manchen Tagen ist es bei uns aber auch nicht besser«, meinte Katja.»Dann kommt ein Notfall nach dem anderen rein. Letztes Wochenende hatte ich Bereitschaft, ich glaube, ich habe acht Stunden am Stück im OP gestanden.«
»War das am Samstag?« Andrea blickte von ihrem Teller hoch.
Katja sah auf ihren Kartoffelsalat und schob ihn dann zur Seite.
»Ich hab irgendwie gar keinen Appetit.«
»Da war doch der schlimme Unfall auf der Autobahn«, fuhr Andrea fort.
»Vier Schwerverletzte, sechs Leichtverletzte und fünf Patienten, die unter Schock standen«, zählte sie auf.»Wir haben nur die Schwerverletzten bekommen, die anderen haben sie auf andere Krankenhäuser aufgeteilt. Die Patienten, die zu uns kamen, waren so schlimm verletzt, wir wussten gar nicht, wen wir zuerst operieren sollten. Ich bin von einem OP zum anderen gerannt.«
»Mein Kollege Clemens Stellmacher hatte letztes Wochenende Dienst. Er hat mir davon erzählt. Immerhin habt ihr alle vier Patienten durchgebracht.«
»Das war ein Wunder. Am Anfang habe ich gedacht, die sterben uns unter den Händen weg. Aber Fritz Homberg, der Leiter der Notaufnahme, ist einfach begnadet gut. Wir hatten die Patienten ruck, zuck auf dem OP-Tisch und konnten zügig weitermachen.«
»Ein guter Diagnostiker ist schon viel wert«, meinte Andrea.
»Das sagt die Richtige.« Katja grinste ihre Freundin an.
»Ich mache nur meinen Job«, wehrte Andrea ab,»wie du auch.«
»Nur habe ich nicht so eine Verantwortung wie du. Als OP-Schwester arbeite ich im Team, aber du als Notärztin bist allein auf dich gestellt.«
»Bei euch muss auch jeder Handgriff sitzen«, entgegnete Andrea und sah Katja an.»Weißt du noch? Unsere erste OP damals? Wir habenüber irgendetwas geredet, und Professor Hebestreit hat uns erwischt. Du hast ihm dann das falsche Skalpell gereicht, und mir ist vor Schreck die Schere auf den Boden gefallen.
»Der hat sich gar nicht wieder eingekriegt. An die Gardinenpredigt erinnere ich mich heute noch.‚Ein Operationssaal ist keine Schwatzbude’«, machte Katja die strenge Stimme des Chefarztes nach.
»Recht hat er ja«, gab Andrea zu,»aber wir waren damals noch jung und hatten uns ständig was zu erzählen.«
»Vor allem Männergeschichten.« Katja grinste.»Apropos Männer«, fuhr sie fort.»Was ist eigentlich mit diesem Frank, dem Freund von Werner? Du wolltest doch ein Date arrangieren?«
»Woher soll ich wissen, dass es so dringend ist?« Andrea sah ihre Freundin mit gespielter Unschuld an.»Ich dachte, Männer hätten keinen Platz in deinem Leben?«
»Ach was«, Katja machte eine wegwerfende Handbewegung.»Das habe ich nur gesagt, weil Werner und du mich mit diesem Architekten verkuppeln wolltet. Ich fand ihn einfach schrecklich.« Sie beugte sich vor und sah Andrea verschwörerisch an.»Aber den Frank würde ich wirklich gern wiedersehen. Der gefällt mir nämlich. Bei dem Kegelabend letztens haben wir uns blendend unterhalten.«
Andrea nahm einen Bissen Kartoffelsalat undüberlegte.
»Wir könnten einen Grillabend veranstalten. Werner lädt Frank ein und ich dich. Dann könnten