Kapitel 8
Ein Kind. Beide, Paulina und Tim, hatten die Stimme, die da aufgeschrien hatte, eindeutig als die eines Kindes identifiziert. Eindeutig? Konnten sie wirklich sicher sein? Warum kam es dann nicht heraus? Aus Angst? Oder waren es doch mehrere?
Paulina rückte näher an das Gebüsch heran, versuchte zu erkennen, wer sich dahinter verbarg. Sie konnte allerdings niemanden sehen.„Hallo?“, rief sie.
Tim schloss zu ihr auf.
„Wir haben dich gesehen“, behauptete Paulina.„Komm raus. Wir tun dir nichts.“
Doch es rührte sich nichts mehr.
Unschlüssig starrten Paulina und Tim auf das Grün.
„Das kann doch nicht sein“, flüsterte Tim.„Eben war da doch etwas gewesen. Der kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben.“
Wie selbstverständlich ging er davon aus, dass seine Theorie stimmte und sich ein paar Jungs hier die Zeit vertrieben und die Gelegenheit genutzt hatten, zu Dieben zu werden. Einen von ihnen hatten sie nun gestellt.
Auch Paulina glaubte, es mit einem Jungen zu tun zu haben. Sie konnte sich zwarüberhaupt nicht vorstellen, dass sich hinter dem Busch der Eingang zu einem größeren unterirdischen Bau befinden sollte, in dem mehrere Kinder ausreichend Platz fanden, aber genug Mut, um nachzusehen, hatte sie auch nicht.
Und wenn sich dort mehr als ein kleines Erdloch verbarg, eine richtig ausgebaute Höhle vielleicht, dann konnten sich in ihr alle möglichen Gestalten versteckt halten. Ein paar ausgewachsene Diebe womöglich, die ihre Kinder nur vorgeschickt hatten. Hatte man doch alles schon gehört.
Nur: Irgendwie mussten sie ja mal weiterkommen. Sie konnten hier schlecht den Rest des Tages und vielleicht auch noch die Nacht ausharren und warten, dass irgendwann mal wieder jemand aus seiner Höhle herauskroch.
Da sich seit einer ganzen Zeit nichts mehr bewegte, nichts mehr zu hören war und niemand auf ihren Zuruf geantwortet hatte, vermutete Paulina, dass sich in diesem Augenblick wirklich niemand im Eingang der Höhle aufhielt, sondern wenn, dann nur tief innen. Sie beschloss, diesen womöglich sehr kurzen Moment zu nutzen, um nachzusehen. Noch einmal atmete sie tief durch, ging entschlossen auf den grünen Vorhang zu, um ihn beiseitezuziehen und sich ein wenig mehr Gewissheit zu verschaffen.
„Sei vorsichtig!“, rief Tim ihr noch zu.
Paulina wollte gerade nach einem Zweig des Busches greifen, als sich auf der anderen Seite nun doch etwas regte.
Wie beim ersten Mal sprang Paulina zurück, quiekte kurz auf.
Auch Tim erschrak wieder.
Und dann…
… trauten beide ihren Augen nicht: Aus dem Busch heraus kam Tims Regenjacke angeflogen! Sie landete direkt vor Paulinas Füßen.
Verdutzt starrte Paulina einen Moment darauf, dann hob sie die Jacke vorsichtig auf und hielt sie mit spitzen Fingern in die Höhe, als hätte sie einen Kadaver gefunden, den sie Tim jetzt vorführte.
„Verstehst du das?“, fragte sie.
„Achtung!“, brüllte Tim.
Paulina sprang instinktiv zur Seite.
Hinter ihr segelte ihnen auch Tims Kapuzenjacke entgegen.
Paulina und Tim taten nichts. Starrten nur auf den Busch. Würden da jetzt auch gleich die gestohlenen Dosen herausfliegen?
Wieder lange nichts.
Tim schlich vorsichtig an sein Shirt heran, durchsuchte die Taschen, zog den Mopedschlüssel heraus und zeigte ihn Paulina wie eine Eroberung. Sie hatten, was sie wollten: Tims Kleidung und der Schlüssel waren wieder da. Sie konnten abdrehen und zusehen, so schnell wie möglich von hier zu verschwinden.
Gerade hatte Tim sich entschieden, Paulina genau das vorzuschlagen, da fasste die sich ein Herz. Mit einem Satz sprang sie in den Busch hinein und packte zu, als wollte sie eine Kreuzotter fangen.
„Was…?“ Tim hatte kaum den Mund zu seiner Frage geöffnet, da kam Paulina wieder zum Vorschein. Sie zog einen kleinen, schmächtigen Jungen, den Tim auf den ersten Blick auf etwa zehn oder elf Jahre schätzte, am Genick aus dem Busch heraus wie ein neugeborenes Kätzchen. Und ein bisschen wirkte