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»Wo ist Igor?«
»Da unten im Sarg!«
»Ist er tot?«
»Ja, beim Sterben ums Leben gekommen.«
»Aber ich habe ihn doch gestern noch gesehen.«
»Tja, so schnell kann’s gehen. In unserem Alter sollte man eben höllisch aufpassen, wohin man tritt, sonst …«
»Heute rot, morgen tot!«
Stünde ich nicht vollkommen aufgelöst und von Freunden und Bekannten umringt auf einem Friedhof, würde ich mir vorkommen wie bei der Premiere eines grotesk surrealen Theaterstückes, in dem jemand einen Kranz hinter sich wirft wie den Hochzeitsstrauß, um zu sehen, wer der Nächste ist. Passen würde es, schließlich ist heute der 1. April.
Aber ich starre mit von Tränen verschwommenem Blick tatsächlich in Igors Grab. An sich würde die Szene einer vollkommen normalen Beisetzung gleichen, mit Blumengebinden, Kränzen und Gestecken, hätten nicht alle Trauergäste ein Glas Wodka in der einen Hand und in der anderen ein Stück Brot. Ein unbeteiligter Zuschauer würde vermutlich auchüber Roderich schmunzeln: Ein alter Mann in buntgemustertem Samtmantel und grünen Cowboystiefeln, der sich unablässig das durch den Wind verrutschende Toupet zurechtrückt. Ebenso würde er sich wahrscheinlich fragen, was mit dem Mann im Rollstuhl los ist, dessen feuerroter Fahrradhelm wie eine einsame rote Blume aus der schwarz gekleideten Menge herausleuchtet. Er könnte Pistolen-Pennys schmerzverzerrte Mieneüber dem mottenzerfressenen Silberfuchskragen als einen Ausdruck ihrer Trauer deuten, weil er nicht wüsste, dass ihre Beinprothese bei längerem Stehen unangenehm drückt. Und beim Anblick des grimmig dreinblickenden Wastl mit der platten Boxernase und den türbreiten Schultern, würde er vermutlich auf die Beisetzung einer Unterweltgröße tippen. Die kleine Gruppe bulliger Herren mit Pokerface, Sonnenbrillen und schwarzen Hüten könnte diesen Verdacht erhärten, genauso wie der idyllische Friedhof mit Seeblick und romantischer Zwiebelturmkirche. Nur Alteingesessene werden noch auf diesem exklusiven Gottesacker bestattet. Am Starnberger See klingt»Sozialwohnung« mittlerweile wie ein Fremdwort, und Normalverdiener müssten einen Bankraub begehen, um hier wohnen oder sogar ein Haus erwerben zu können.
Die Unterwelt-Vermutung wäre also nicht von der Hand zu weisen. Aber Igor war kein Gangster, obwohl auch ich anfangs nicht wusste, was ich von ihm halten sollte. Zumindest war er mir ziemlich suspekt. Nur optisch fand ich ihn sofortäußerst sympathisch, vor allem sein Kinngrübchen hatte es mir angetan. Er selbst hasste es, bezeichnete es gerne als Einschussloch, und brachte mich damit zum Lachen. Meinüber alles geliebter russischer Kuschelbär war eine außergewöhnliche Mischung aus Kabarettist und Kalaschnikow. Allein sein erster Auftritt in meinem Leben war bühnenreif.
Es war vor neun Jahren in München, am Abend der letzten Vorstellung der OperetteDie Csárdásfürstin. Ich hatte die Titelrolle gesungen und rauschende Ovationen erhalten. Erschöpft begab ich mich nach dem letzten Vorhang in meine Garderobe, wo ich neben vielen Blumensträußen einen Brief in einem blassblauen Kuvert vorfand. Darin versicherte mich Igor Komarow seiner glühenden Verehrung und bat höflich, von einem Unwürdigen ein winzig kleines Geschenk anzunehmen. Es würde vor dem Bühnenausgang auf mich warten. Kopfschüttelnd legte ich die Nachricht zur Seite.Üblicherweise wurden kleine Aufmerksamkeiten direkt nach der Vorstellungüberbracht oder auf die Bühne geworfen, aber nicht großartig angekündigt. Ich trank mit den Kollegen ein Gläschen Champagner auf unseren Erfolg und vergaß den Brief. Es dauerte eine Weile, bis ich die Csárdásfürstin abgelegt, mich wieder in Mimi Varelli verwandelt hatte und das Theaterüber den Bühnenausgang verließ. Getarnt mit dunkler Diven-Brille beabsichtigte ich wie jeden Abend die paar Meter zum Taxistand zu laufen, um etwas frische Luft zu schnappen. Doch es schüttete wie aus einer Regenmaschine und ich wollte schon kehrtmachen, als jemand mit einem Schirm aus dem Dunkel auftauchte.Überrascht schrak ich zusammen, erkannte dann aber unseren jungen Saaldiener aus dem Theater.»Ich begleite Sie zum Wagen, gnädige Frau«, sagte er höflich. Ich wandte ein, dass ich zwar keinen bestellt hätte, er aber genau zur richtigen Zeit käme, und ließ mich gut beschirmt zur Straße führen. Statt eines Taxis erwartete mich jedoch eine weiße Stretchlimousine.»Bitte«, sagte mein Begleiter, und noch bevor ich etwas erwidern konnte,öffnete sich die Tür. In einem Meer aus blassrosa Rosen saß Igor und strahlte mich aus leuchtend blauen Augen an. Mit seinem blonden Haar, den ergrauten Schläfen und dem hellen Anzug hatte er eine verblüffendeÄhnlichkeit mit Peter Ustinov inMord im Orient-Express. Allerdings ohne Schnurrbart. Ich habe mich auf Anhieb in ihn verliebt.
»Wenn ich nicht bald den Wodka trinken und das Brot essen darf, werde ich grantig.«
Die Stimme von Margot, meiner Cousine, drängt sich in meine schmerzhaften Erinnerungen.
»Die Zeremonie i