: Antony Beevor
: Der Zweite Weltkrieg
: C. Bertelsmann
: 9783641107901
: 1
: CHF 16.20
:
: Geschichte
: German
: 976
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Das umfassende Standardwerk zum Zweiten Weltkrieg
In seiner von der Presse gefeierten erzählerischen Gesamtschau des Zweiten Weltkriegs zeichnet Antony Beevor ein eindringliches Bild der politischmilitärischen Geschehnisse, die den opferreichsten Krieg der Menschheit bestimmten, wobei er den geläufigen Eurozentrismus perspektivisch hinter sich lässt und auch dem Schicksal einfacher Soldaten, dem Leid der Zivilbevölkerung und den Verbrechen an den Entrechteten gerecht wird.

Antony Beevor, Jahrgang 1946, ist mit seinen in zahlreiche Sprachen übersetzten Büchern weltweit der erfolgreichste Autor zu historischen Themen. Er wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Wolfson History Prize, dem Samuel-Johnson-Preis und dem Pritzker Literature Award, und 2017 für seine Verdienste in den Adelsstand erhoben. Auf Deutsch sind von ihm die Bestseller erschienen: 'Stalingrad' (1999), 'Berlin 1945 - Das Ende' (2002), 'Der Spanische Bürgerkrieg' (2006), 'D-Day' (2010), 'Der Zweite Weltkrieg' (2014), 'Die Ardennen-Offensive 1944' (2016) und 'Arnheim' (2019).

Einführung

Im Juni 1944 ergab sich ein junger Soldat aus Asien während der Invasion der Alliierten in der Normandie amerikanischen Fallschirmjägern. Die glaubten zuerst, er sei Japaner, tatsächlich aber stammte er aus Korea. Sein Name war Yang Kyungjong.

1938 hatten die Japaner ihn mit achtzehn Jahren zu ihrer Kwantung-Armee eingezogen, die in der Mandschurei stationiert war. Ein Jahr später nahm ihn die Rote Armee nach der Schlacht am Chalchin Gol gefangen und schickte ihn in ein Arbeitslager. Im kritischen Jahr 1942 reihten ihn die sowjetischen Militärbehörden wie Tausende andere Gefangene in ihre Streitkräfte ein. Anfang 1943 wurde er in der Schlacht bei Charkow in der Ukraine von der deutschen Wehrmacht gefangen genommen. Die steckte ihn in eine deutsche Uniform und schickte ihn 1944 mit einemOstbataillon nach Frankreich, wo er offenbar auf der Halbinsel Cotentin an einem Ort, den die Alliierten»Utah Beach« nannten, den Atlantikwall verstärken helfen sollte. Nach einiger Zeit, die er in einem Gefangenenlager in Großbritannien zubrachte, gelangte er in dieUSA, wo er seine Vergangenheit für sich behielt. Er ließ sich in Illinois nieder, wo er 1992 verstarb.

In einem Krieg, derüber 60 Millionen Menschen das Leben kostete und den ganzen Erdball erfasste, hatte dieser unfreiwillige Veteran der Armeen Japans, der Sowjetunion und Deutschlands ziemlich viel Glück. Und doch ist Yang Kyungjong geradezu ein Musterbeispiel dafür, wie hilflos die meisten gewöhnlichen Sterblichen denübermächtigen Gewalten der Geschichte ausgeliefert waren.

Europa stolperte nicht in diesen Krieg am 1. September 1939. Gewisse Historiker sehen die»Urkatastrophe« im Ersten Weltkrieg und sprechen von einem»Dreißigjährigen Krieg« von 1914 bis 1945.1 Andere meinen, der»lange Krieg«, der mit dem Putsch der Bolschewiki 1917 begann, habe sich als»Europäischer Bürgerkrieg« bis 1945 fortgesetzt oder gar bis zum Untergang des Kommunismus im Jahre 1989 angehalten.2

Die Geschichte lässt sich jedoch nicht in solche Schemata pressen. Sir Michael Howard argumentiertüberzeugend, Hitlers Angriffe gegen Frankreich und Großbritannien im Jahr 1940 seien in vieler Hinsicht eine Fortsetzung des Ersten Weltkriegs gewesen. Auch Gerhard Weinberg erklärt kategorisch, der Krieg, der 1939 mit Hitlers Einmarsch in Polen begann, sei als der Beginn seines Kampfes um das Hauptziel»Lebensraum« im Osten anzusehen. Das mag zutreffen, aber die Revolutionen und Bürgerkriege zwischen 1917 und 1939 haben das Bild kompliziert. So hat zum Beispiel die Linke stets leidenschaftlich die Auffassung vertreten, der Zweite Weltkrieg habe mit dem Spanischen Bürgerkrieg begonnen, während die Rechte behauptet, er sei der Auftakt zu einem Dritten Weltkrieg zwischen dem Kommunismus und der»westlichen Zivilisation« gewesen. Zugleich neigen westliche Historiker dazu, den Japanisch-Chinesischen Krieg von 1937 bis 1945 und dessen Verschmelzung mit dem Weltkrieg zu ignorieren. So mancher Geschichtswissenschaftler aus Asien meint hingegen, der Zweite Weltkrieg habe bereits mit der japanischen Besetzung der Mandschurei im Jahr 1931 begonnen.3

Über all das lässt sich trefflich streiten, denn der Zweite Weltkrieg stellt eindeutig ein ganzes Knäuel von Konflikten dar. Zumeist handelte es sich um solche zwischen einzelnen Staaten, die jedoch von der internationalen Auseinandersetzung zwischen Links und Rechts durchdrungen und in vielen Fällen sogar dominiert wurden. Daher müssen einige der Umstände näher beleuchtet werden, die zu diesem grausamsten und verheerendsten Gemetzel seit Menschengedenken geführt haben.

Nach den schrecklichen Ereignissen des Ersten Weltkriegs waren Frankreich und Großbritannien, die Hauptsieger in Europa, erschöpft und fest entschlossen, etwasÄhnliches dürfe sich nicht wiederholen. Amerika suchte nach seinem wesentlichen Beitrag zum Siegüber das deutsche Kaiserreich einen möglichst großen Abstand zu der in seinen Augen korrupten, sündhaften Alten Welt zu gewinnen. Mitteleuropa, zerstückelt durch die neuen Grenzen von Versailles, hatte mit der Demütigung und dem Elend der Niederlage fertig zu werden. Die stolzen Offiziere der k.u.k. ArmeeÖsterreich-Ungarns, denen man den Schneid abgekauft hatte, mussten ihre Operettenuniformen gegen die abgetragene Kluft der Arbeitslosen eintauschen und fühlten sich als die Prügelknaben der Nation. Die Verbitterung der meisten deutschen Offiziere und Soldatenüber die Niederlage verstärkte sich dadurch, dass ihre Armeen bis Juli 1918 nie geschlagen worden waren, was den plötzlichen Zusammenbruch im Land umso unerklärlicher und unheimlicher machte. Nach ihrer Auffassung gingen die Meuter