: Sissi Merz
: Alpengold 171 Tränen am alten Marterl
: Verlagsgruppe Lübbe GmbH& Co. KG
: 9783838759159
: Alpengold
: 1
: CHF 1.80
:
: Erzählende Literatur
: German
: 64
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Mit gesenktem Kopf hockt die hübsche Meyer-Christel vor dem kleinen Marterl am Waldrand, das so oft Ziel ihrer abendlichen Wanderung mit Thomas war. Doch heut tauscht sie auf der lauschigen Bank kein verliebtes Busserl mit ihrem Schatz - heut ist sie allein gekommen, um ihrer verlorenen Liebe nachzuweinen.

Aus falsch verstandenem Stolz hat Thomas die Verlobung gelöst, denn er meint, für Christel nicht mehr gut genug zu sein! Eine unerwartete Erbschaft hat alles verändert - und aus Christel, der mittellosen Magd, eine reiche Bäuerin gemacht! Doch soll sie das Erbe wirklich antreten und den Hof in Kiefersfelden übernehmen - ohne Thomas?

In diesen einsamen Stunden reift in Christel der Entschluss, ihren Weg allein zu gehen: Schon morgen wird sie alles, was sie kennt und liebt, hinter sich zurücklassen. Ihre Tränen soll niemand mehr sehen ...

»Geh, Christel, spring doch rasch hinaus und hol noch ein paar Eier! Ich denk, wir sollten heut mehr von deinen Pfannkücherln anbieten. Gestern Morgen hat’s so ausgeschaut, als ob der Hias und der Franzl sich um den letzten raufen wollten.« Ursula Moosbacher schaute dem Madel, das nun eilig die Küche verließ, wohlwollend hinterher.

Ganz die Mama, dachte die Bäuerin vom prächtigen Moosbacher-Hof in Irmenau bei Bayrischzell.

Die Bauernfamilie lebte seit vielen Generationen in dem idyllischen Tal mitten im Oberbayerischen. Auf dem Erbhof ging es sehr familiär zu. Bauern und Gesinde nahmen die Mahlzeiten in großer Runde an einem Tisch ein. Und wenn einer Sorgen oder Probleme hatte, dann fand er im Bauern oder seiner Frau stets einen verständigen Zuhörer.

Christel Meyer kannte kein anderes Daheim als den Erbhof. Sie war hier geboren und aufgewachsen. Und für Ursula Moosbacher war das schlanke, hübsche Madel mit dem langen, hellbraunen Haar fast wie eine Tochter.

Die Bauersleute hatten keine eigenen Kinder. Christels Mutter Marianne war gestorben, als das Madel eben erst sechzehn Jahre als gewesen war. Sie hatte ein schwaches Herz gehabt. Die Moosbachers hatten das Madel getröstet und ihm sein Heim erhalten.

Für Christel war die Bäuerin also eine Art Ersatzmutter. Das Madel hatte eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin gemacht und ging der Bäuerin nun im Haushalt zur Hand. Christel war mit ihren einundzwanzig Jahren bereits eine gute Köchin. Vor allem Kuchen und Süßspeisen waren ihre Spezialität. Gab es einen Nachtisch von ihr, dann schauten alle gespannt auf ihre Teller. Und meist blieb kein einziger Krümelübrig.

Ursula Moosbacher dachte daran, dass auch Marianne Meyer eine hervorragende Köchin gewesen war. Sie hatte als Hauserin auf dem Erbhof gearbeitet und war sehr fleißig und umgänglich gewesen.

Die Bäuerin erinnerte sich noch gut an jenen kalten Wintertag, an dem die damals junge Frau vor ihrer Tür gestanden und nach Arbeit gefragt hatte.

»Ich will ehrlich sein, Bäuerin, ich steh in der Hoffnung«, war einer der ersten Sätze, die Marianne zu ihr gesagt hatte.»Ich bin zuverlässig und fleißig. Aber wenn du hier kein Kind haben willst, sag es nur, dann geh ich wieder.«

Es war weniger das, was sie gesagt, sondern wie sie es gesagt hatte, das der Bäuerin gleich ins Herz gegangen war. Sie hatte nur in die klaren, tiefblauen Augen der jungen Frau schauen müssen, um zu wissen, dass das Leben sie bislang nicht mit Samthandschuhen angefasst hatte.

Später, als aus den beiden Frauen imähnlichen Alter Freundinnen geworden waren, hatte Marianne ihrer Bäuerin erzählt, wie sie in die Hoffnung gekommen war.

Sie hatte auf einem Hof in der Nähe von Kiefersfelden gearbeitet und sich in den Bauern verliebt. Der war recht unglücklich gewesen in seiner Ehe. Seine Frau hatte ihn beherrscht und ihm keinen schönen Tag gegönnt. Sie war verbittert gewesen, weil sie nach einer Fehlgeburt keine Kinder mehr bekommen konnte, hatte dies ihrem Mann zum Vorwurf gemacht.

»Der Xaver Bingel war kein schlechter Mensch«, hatte Marianne leise gesagt.»Er war ein guter und zärtlicher Mann. Wäre er frei gewesen, gewiss hätte ich mit ihm mein Glück gefunden. Aber er war verheiratet und zu schwach, um seine Frau zu verlassen.«

Marianne hatte sich auf ein Gspusi eingelassen. Und als sie in der Hoffnung gestanden hatte, da hatte die Bäuerin dafür gesorgt, dass sie mit einer kleinen Abfindung verschwand. Trotz dieser Enttäuschung und der schweren Zeit, die Marianne hatte durchmachen müssen, bevor sie auf dem Moosbacher-Hof ein neues Daheim fand, hatte sie nie etwas auf Xaver Bingel kommen lassen.

»Er hat mich lieb gehabt, so wie ich ihn«, hatte sie der Bäuerin anvertraut.»Er hat mir oft geschrieben und auch Geld geschickt. Ich hab alles für die Christel angelegt. Es kommt ja schließlich von ihrem Vater. Und wer weiß, vielleicht findet er doch noch irgendwann die Kraft, reinen Tisch zu machen und sich zu mir und dem Kind zu bekennen …«

Leider hatte sich dieser Wunsch nicht erfüllt. Nach Mariannes frühem Tod hatte Ursula Moosbacher daran gedacht, Christels Vaters zu verständigen. Doch ihr Mann hatte sie davonüberzeugt, dass dabei nichts Gutes herauskommen konnte.

»Er wird nix von dem Kind wissen wollen«, hatte Sepp Moosbacher vermutet.»Und wenn doch, dann musst du die Christel hergeben. Ich denk, es ist besser, wir lassen alles so, wie es ist. Für das Madel ist es allerweil das Beste.«

Der Meinung war auch die Bäuerin. Obwohl sie sich no