Laura Gardner war froh, als der Tag zu Ende war. Sie räumte die Proben der Kosmetikartikel, für die sie Reklame machte, zusammen und packte sie in ihren Musterkoffer.
Wenig später verließ sie das Einkaufszentrum. Sie hatte keine Lust mehr, in das Warenhaus, vor dessen Eingang sie ihren Promotionstand hatte, hineinzugehen und sich zu erkundigen, ob ihre Werbeaktion Erfolg gehabt hatte. Sie würde schon noch erfahren, ob es eine erhöhte Nachfrage der von ihr angepriesenen Produkte gegeben hatte.
Laura Gardner war Beauty-Beraterin und Sales-Promoterin im Kosmetikbereich. Ihr Arbeitsplatz war in Einkaufszentren, Warenhäusern und auf Messen. Zum Leidwesen ihres Mannes umfasste ihr Arbeitsgebiet Städte im ganzen Bundesgebiet. Sie war viel unterwegs, hatte unregelmäßige Arbeitszeiten und war entsprechend gestresst.
Patrick, ihr Mann, machte ihr deswegen oft Vorhaltungen. Er wollte, dass sie häufiger zu Hause war, denn sie hatten eine kleine Tochter. Laura hatte oft selbst Gewissensbisse, weil sie die Kleine so vernachlässigte. Doch es war für sie auch sehr wichtig, unter Menschen zu sein und Erfolg zu haben.
Vielleicht können wir morgen etwas zusammen unternehmen,überlegte Laura, während sie auf das Parkdeck des Einkaufszentrums hinaustrat und zu ihrem Auto ging. Eine Art Familienausflug sozusagen.
Gleichzeitig graute ihr davor. Allein der Gedanke ließ das letzte bisschen Energie, das sie noch in sich spürte, dahinschmelzen wie Butter an der Sonne. Ein starkes Gefühl der Erschöpfung breitete sich in ihr aus. Nein, am Sonntag, ihrem einzigen freien Tag in der Woche, wollte sie nichts weiter tun, als sich auszuruhen.
Laura verstaute ihre beiden Musterkoffer im Kofferraum ihres Kombis, der dieselbe Farbe hatte wie ihr leuchtend rotes Kostüm. Dann setzte sie sich hinters Steuer und schloss die Tür.
Sie klappte die Sonnenblende herunter und musterte sich im Spiegel, der daran angebracht war. Ein attraktives, sorgfältig geschminktes, wenn auch unendlich müde wirkendes Gesicht blickte ihr entgegen. Sie griff sich in den Nacken und löste den Knoten, zu dem sie ihre glänzend schwarzen Haare für gewöhnlich wickelte. Flüchtig schüttelte sie das Haar aus, bis es ihr leicht gelockt auf die Schultern fiel.
Laura gähnte. Wenn ich nach Hause komme, werde ich mich erst einmal hinlegen, nahm sie sich vor.
Sie holte ihr Handy hervor und rief in der Gärtnerei ihrer Mutter an, wo ihre kleine Tochter Leonie heute betreut wurde, denn samstags war der Kindergarten, in den sie die Wocheüber ging, geschlossen.
Tommy, der nach einer Hirnhautentzündung geistig leicht zurückgebliebene Gärtnergehilfe, war am Apparat.
»Hallo, Marlenes Gartenparadies, einen schönen guten Tag«, meldete er sich munter.
Laura musste lächeln. Sie mochte Tommy und vertraute ihm auch bedenkenlos ihre Tochter an, die gern mit ihm spielte.
»Hallo Tommy, Laura hier«, sagte sie.»Ist meine Mutter in der Nähe?«
»Mutter nicht, aber Tochter«, war die Antwort, und im Geist konnte Laura das breite Lächeln auf seinem runden Gesicht sehen, das immer noch etwas Jungenhaftes hatte, obwohl Tommy demnächst seinen vierzigsten Geburtstag feierte.»Wollen Sie mit Leonie reden? Sie spielt auf dem Komposthaufen.«
Laura verzog leicht das Gesicht. Sie hoffte, dass Tommy das nicht so wörtlich gemeint hatte und Leonie nicht mitten im Kompost hockte. Wahrscheinlich brachte sie nur Pflanzenabfälle zur Kompostanlage.
»Dann lass sie mal spielen, Tommy! Ich wollte nur fragen, ob es okay ist, wenn ich Leonie erst gegen Abend abhole. Bin nämlich mal wieder völlig geschafft und muss mich erst ausruhen.«
»Kein Problem, Laura. Ich passe gut auf Leonie auf.«
»Danke, Tommy. Bis später dann.«
Anschließend wählte sie die Handynummer ihres Mannes für den Fall, dass er noch nicht zu Hause, sondern in seinem Studio war. Patrick war Dokumentarfotograf. Er hatte sich auf Medizinfotografie spezialisiert und besuchte Krankenhäuser, Arztpraxen und andere medizinische Einrichtungen.
Da er sich nicht meldete, nahm Laura an, dass er sich auf dem Heimweg befand, denn im Auto hatte er sein Handy grundsätzlich nie eingeschaltet. Sie steckte ihres wieder weg und ließ den Motor an.
Unkonzentriert und unter häufigem Gähnen fuhr sie nach Hause. In ihrer Ehe stand es nicht mehr zum Besten, woran Laura nicht unschuldig war, wie sie selbst zugeben musste. Doch sie wu