Donaueschingen, 1986
Den Stones-SongTime is on my side im Ohr verließ er den Dienstwagen. Manni direkt an seiner Seite. Sein damaliger Partner und Mentor. Ein bärbeißiger 42-Jähriger mit Schnurrbart und stahlblauen Augen, der zwar knallhart sein konnte, aber immer fair war.
Jochens Herz schlug ihm bis zum Hals. Obwohl an diesem Spätaugustvormittag ein kräftiger Wind wehte, klebte ihm die Dienstuniform am Rücken.
Wenngleich er mit Manni schon etliche Tatorte besucht hatte, schien diesmal alles anders zu sein. Ständig schielte er zu seinem Partner und spürte dessen kritischen Blick auf sich brennen. Nur keinen Mist bauen, ermahnte er sich immer wieder. Schau, wohin du trittst und was du berührst.Auf keinen Fall den Tatort verunreinigen.
Direkt neben den Sträuchern kauerte Kurt, der Mann von der Spurensicherung, und verdeckte halb den Leichnam. Der Gerichtsmediziner Hans Zierock stand neben ihm und notierte etwas auf seinem Block. Beide Männer waren um die 50.
»Servus, Männer, was haben wir hier?«
»Hallo, Jochen, gibst du heute den Ton an? Sieht ganz nach einer kleinen Messerstecherei aus«, sagte Hans.
Er sah, wie Manni einige Meter hinter ihm die Hände in den Taschen vergrub.
Nervös wie bei seinem ersten Tatort begutachtete Jochen den Toten. Ein junger Bursche, nicht vielälter als er selbst. Allerhöchstens Ende 20. Legere Kleidung, bestehend aus Bluejeans und einem ehemals hellblauen T-Shirt. Jetzt zeigte es einen unschönen runden Blutfleck auf der rechten Bauchseite. Der Schnitt des Messers trug ebenfalls nicht zur Verschönerung bei. Am Gürtel des Toten klemmte ein schwarzer Walkman. Den Kopfhörerbügel hatte er um den Hals hängen.
»Laut Papieren heißt der Tote Andre Bergmann«, sagte Kurt und reichte ihm den Personalausweis des Opfers.»Wohnhaft in der Wartenbergstraße. Ist nicht weit von hier, liegt fast direkt hinter den Gleisen.«
»Wer hat ihn gefunden?«
»Die Frau dort hinten. Rentnerin. Ging mit ihrem Cockerspaniel Gassi. Der Hund wollte an den Büschen sein Geschäft erledigen.«
»Bei dem Anblick dürfte ihm alles vergangen sein. Habt ihr was Auffälliges entdeckt?«
»Nur das hier.« Mit seiner grünen Latexhand reichte Hans ihm ein eingetütetes Stück Papier und bekam im Gegenzug den Ausweis zurück.»Sein Walkman enthielt keine Kassette, sondern das. Ganz merkwürdige Geschichte.«
Triff mich früh um sechs im KG. Und kein Scheiß, las Jochen vor.»KG steht sicherlich für Karlsgarten. Aber müsste es im zweiten Satz nichtkeinen Scheiß heißen?«
»Mit der Grammatik hat’s nicht jeder. Ich frag mich aber eher, warum das Papier dort drin steckte. Ist das jetzt der neueste Schrei?«
Jochen schmunzelte.»Sobald ich es herausgefunden habe, lass ich es dich wissen. Vielleicht schenke ich dir ja demnächst ein Blatt zum Anhören. Ich schreib sogarSatisfaction drauf.«
Grinsend drehte er sich zu seinem Partner um. Bei dessen finsterem Blick erstarb allerdings jedes Lächeln. Hatte er irgendwas falsch gemacht oderübersehen? Oder war es wegen der Scherze in Gegenwart des Toten?
»Hast du dir einenÜberblick verschafft?«
»Jepp.«
»Was steht als Nächstes an?«
»Zeugenbefragung natürlich.«
Manni nickte und folgte ihm zur Weggabelung. Eine Handvoll Schaulustiger wurde von den uniformierten Kollegen vom Streifendienst zurückgehalten. Als wenn es nichts Besseres zu tun gäbe.
Die schätzungsweise 70-jährige Rentnerin trug eine dünne Sommerjacke und darunter eine recht abgetragen wirkende Bluse. Sie hatte ganz eindeutig nicht damit gerechnet, mehrere Stunden hier zu verbringen. Ein Wunder, dass sich ihr Hund noch immer ruhig verhielt.
Sie stellte sich ihm als Helga Grundlach vor. Er sah, wie ihre Hand zitterte.»Jeden Tag gehe ich hier um kurz nach sieben spazieren. Mein Oskar muss morgens immer ganz früh raus.«
Ich hoffe, Sie meinen den Hund, lag es ihm auf der Zunge, aber er lauschte weiter schweigend.
»Nie ist irgendwas passiert. Und dann das. Ach, der arme Junge.«
»Kannten Sie Andre Bergmann?«
»Natürlich. Schon als kleinen Buben. Er war immer so nett. Wer kann ihm nur so was angetan haben?«
»Das versuchen wir, herauszufinden. Sind hier früh um sieben schon viele Fußgänger unterwegs?«
Sie schüttelte den Kopf.»Höchstens ein paar, die auf dem Weg zur Arbeit sind. Geschäfte haben ja noch keine offen.«
»Herrn Bergmann haben Sie hier aber vermutlich noch nie herumlaufen gesehen, oder?«
»Um diese Zeit? Ganz sicher nicht. Normalerweise arbeitet er um sieben schon. Er ist … also, er war Elektriker. In Villingen. Meinen Sie, das hat was damit zu tun?«
»Dazu kann ich nichts sagen. Mein Partner und ich stehen gerade am Anfang unserer Ermittlungen.«
Er bedankte sich bei der Rentnerin und bat einen der Uniformierten, sie für die Aussage aufs Revier zu bringen.
»Goldige Oma«, sagte Manni leise.»Was steht als Nächstes auf der Liste?«
Jochen schaute kurz zum Tator