Der zweite Tag
Sebastian schlug die Augen auf und spürte einen stechenden Schmerz zwischen Schulter und Hüfte. Seine Uhr zeigte fast sieben. Er drehte sich auf die andere Seite, streckte sich, rollte sich zurück in die Decke und spürte die Kälte und den Karton an seinen Knochen. Ein Schnaufen und ein leises Schnarchen waren alles, was er hörte. Sonst war es ruhig. Halb im Schlaf tastete er nach seinem Wecker, doch seine Hand fand nur den eiskalten Bunkerboden. In Bruchstücken kehrte die Erinnerung zurück, doch er war viel zu schlaftrunken, um klar denken zu können. Sebastian schüttelte seinen eingeschlafenen Arm, zog die Sitzkissen zu sich und dämmerte weiter. In der Nacht hatte er lange wach gelegen und die Gedanken kreisen lassen, war schließlich in einen Zustand nahe dem Schlaf gefallen, in dem die Zeit ihre ordnende Kraft verloren hatte. Langsam kehrte er zurück zwischen die Regale hinter der Stahltür. Nach einigen Minutenöffnete er die Augen, erkannte das fahle Licht aus dem Waschraum und spürte einen Druck auf der Blase. Er setzte sich auf, streckte die Schultern durch, erhob sich mühsam und tappte unsicher zur Toilette. Im Spiegel betrachtete er die wirren Haare und sein unrasiertes Gesicht. In seiner Wohnung würde er nun unter die warme Dusche springen und, begleitet vom Gute-Laune-Radio, die Kaffeemaschine einen schnellen, starken Kaffee aus der Kapsel brühen lassen. Das Wasser aus dem Hahn war eiskalt. Er wusch sich Hände und Gesicht, trank etwas Leitungswasser und schüttelte sich lautstark, weil seine Zähne schmerzten.
Als er zu seinem Lager zurückkehrte, sah er, dass Licht am Tisch brannte. Kurt hantierte an der Küchenzeile, Paul saß müde und vornübergebeugt am Tisch.
„Guten Morgen, die Herren, angenehm geruht?“, versuchte er, den fröhlich-professionellen Ton von Hotelpersonal zu imitieren.
„Ich hab beschissen geschlafen“, knurrte Paul,„wennüberhaupt. Hab die ganze Nacht kein Auge zugetan.“ Er gähnte.
„Als ich kurz wach geworden bin, hast du ordentlich geschnarcht, mein Lieber.“
„Mir tut alles weh.“
Kurt kam zum Tisch.„Wie vor Jahren mit Irene beim Camping. In Frankreich, mit dem Opel und einem undichten Zelt“, sagte er wehmütig.
„Jetzt einen heißen Kaffee gegen die Kälte!“, seufzte Paul.
„Der muss ausfallen“, entgegnete Kurt,„außer Wasser haben wir nichts. Und das ist eiskalt.“
„Doch, Champagner“, grinste Sebastian.
„Wie soll ich um diese Zeit Champagner runterkriegen?“, rief Kurt.
Paul nickte heftig.
„Wir können das frühstücken, was wir gestern Abend gegessen haben: Oliven, Käse und Schinken mit Wasser“, sagte Kurt.„Aber nicht zu viel. Wer weiß.“
„Ein Vorschlag: Wir essen morgens Oliven und Käse. Mittags gibt’s Oliven und Schinken, und abends essen wir– Oliven und Käse und Schinken. Das bringt Abwechslung!“ Paul breitete die Arme aus und setzte ein Bühnenstrahlen auf, als hätte er dem Publikum einen Zaubertrick vorgeführt.
„Meinetwegen“, brummte Kurt und ging Käse und Oliven holen.
Sie saßen kauend vor dem Emmentaler und sinniertenüber einen Befreiungsplan. Doch alle Gedanken endeten an