I
Das Klingeln ließ sie zusammenfahren. Sie fuhr ein wenig langsamer. Ihre linke Hand griff fester um das Lenkrad, während ihre rechte vorsichtig den leeren Beifahrersitz abtastete. Sie nahm das Handy und hielt es ans Ohr:»Ja bitte?«
»Ich bin’s.«
»Na endlich!«
Einen kurzen Augenblick stellte sie sich das Gesicht der Unbekannten vor, deren Stimme ihr vertraut zu werden begann, eine weibliche Stimme, ein wenig schrill, mit einem fast kindlichen Tonfall.
»Wo sind Sie?«
»Ich bin fast angekommen. Einen Augenblick bitte …«
Sieüberholte einen Lieferwagen, reihte sich wieder in die rechte Spur ein, griff erneut nach dem Handy.
»Hallo? Entschuldigen Sie, ich habeüberholt …«
»Ich meinte … wo sind Sie genau?«
Die Stimme hatte nun einen schneidenden, ungeduldigen Ton.
»Es sind nur noch wenige Kilometer …«
»Etwas genauer.«
»Etwa drei Kilometer vor dem Grenzübergang. Ich habe gerade das Schild gesehen. Crassier, so heißt es doch?«
Ihre ansteigende Nervosität schien spürbar zu sein, denn der Ton ihrer Gesprächspartnerin wurde beschwichtigend.
»So ist es. Entspannen Sie sich, die Schweizer Zöllner konzentrieren sich auf die Grenzübergänge an der Autobahn. Man sieht sie selten in Crassier. Und Ihr Passagier?«
»Angeschnallt, auf der Rückbank. Er schläft. Ich habe ihm das Nötige verabreicht.«
»Sind Sie sicher, dass Sie nicht verfolgt werden?«
Sie warf einen Blick in den Rückspiegel.
Da war dieser dunkle, hochrädrige Wagen, der seit einiger Zeit hinter ihr fuhr …
»Ich glaube nicht«, sagte sie.
»Ich will wissen, ob Sie sicher sind.«
Die Stimme klang gereizt.
»Ich bin sicher.«
»Sie tun nun Folgendes«, fuhr die Stimme fort.»Gleich nach Crassier fahren Sie in Richtung Signy, das ist ein Einkaufszentrum. Parken Sie dort in der ersten Etage des Parkhauses. Dort findet dieÜbergabe statt.«
»Und dann?«
»Dann wird man sich Ihrer annehmen. Wir kümmern uns um alles. Wo sind Sie jetzt?«
»Fast da. Ich sehe den Grenzübergang … Warten Sie! Bleiben Sie dran!«
»Was ist denn?«
»Zöllner!«
»Zöllner oder Polizisten?«
»Ich weiß nicht! Sie halten den Lieferwagen vor mir an! Der Fahrer zeigt seine Papiere … Sie werden auch meine sehen wollen!«
Ihre Gesprächspartnerin schnitt ihr erneut das Wort ab:»Regen Sie sich nicht auf! Tun Sie, was ich Ihnen sage. Fahren Sie langsamer, um die Grenze zu passieren. Sie halten nur selten zwei Wagen hintereinander an. Fahren Sie vor allem wie immer.«
»Ich kann nicht!«
Ihre Hände zitterten auf dem Lenkrad. Sie unterdrückte ein Schluchzen. So nah am Ziel! Es war einfach zu dumm …
»Ich kann nicht!«
Sie bemerkte, dass sie geschrien hatte. Die Unbekannte ließ nicht locker:
»Ihr Motor hat die Drehzahl geändert. Was machen Sie?«
»Ich kehre um …«
»Tun Sie das nicht! Sie werden sich erwischen lassen! Sie werden alles vermasseln!«
»Ich kann nicht!«
Vincent drückte mit aller Macht auf die Bremse. Reifenquietschen. Der Geländewagen blieb sofort stehen. Ohne auch nur einen Zoll von der Spur abzuweichen. Ein guter Kauf, dieser Toyota …
Vor ihm hatte der Peugeot wagemutig zurückgesetzt und versperrte nun quer die Straße. Verblüfft sah Vincent, wie er in die Gegenrichtung davonpreschte. Er konnte gerade noch mit einer heftigen Lenkbewegung in Richtung Straßenrand ausweichen.
Sie hätte mich doch tatsächlich gerammt! Was ist bloß in sie gefahren?
Keine Zeit zu verlieren … eine rasche Kehrtwendung, der Toyota drehte sich auf der Stelle. Wirklich ein toller Wagen.
Die beiden Wagen fuhren hintereinander den Weg in Richtung Divonne zurück, in einer von Gärten gesäumten Avenue. Vincent gelang es, den Namen der Straße zu entziffern: Avenue du Mont-Blanc. Vor ihm wurde die Fahrerin immer langsamer und hielt das Handy ans Ohr gepresst … Vincent war so konzentriert, dass er Selbstgespräche führte.
»Man gibt ihr Anweisungen … wird sie versuchen, die Grenze hier zu passieren? Ganz schön gefährlich! Nach ihremüberstürzten Wendemanöver sind die Zöllner sicherlich alarmiert …«
Der Peugeot bog nach rechts ab, in Richtung Zentrum, und Vincent sah, wie er auf dem Zentralparkplatz vor dem Supermarkt›Casino‹ einparkte. Drei Plätze weiter parkte auch er ein. Die Fahrerin stieg nicht aus.
Sie wartet auf jemanden.
Er schnappte seine Leica, hatte aber keine Zeit, den Sucher einzustellen: sein Handy klingelte. Es war Jean-Luc.
»Wie läuft’s?«
»Merkwürdig. Sie hat versucht, die Grenze bei Crassier zu passieren. Ganz kurz davor hat sie eine Kehrtwendung gemacht.«
»Wo seid ihr jetzt?«
»In Divonne, auf dem Zentralparkplatz. Im Augenblick steigt sie nicht aus dem Auto aus.«
»Was ist das für ein Wagen?«
»Ein 307, blaumetallic, funkelnagelneu. Sie sitzt immer noch drin, sie wartet.«
»Hat sie dich entdeckt?«
»Ich glaube nicht.«
»Bist du sicher, dass sie es ist?«
»Zu neunzig Prozent. Allerdings habe ich sie bis jetzt nur von hinten sehen können.«
»Hast du Fotos gemacht?«
»Natürlich! Auch vom Nummernschild. Dabei fällt mir ein, rufe den Detektiv mal wieder an. Versuche herauszubekommen, ob sie