: Anne Chaplet, Ina Coelen, Astrid della Giustina, Alexandra Guggenheim, Carsten Sebastian Henn, Ralf
: Ingrid Schmitz
: Muscheln, Mousse und Messer Eine kulinarische Krimi-Anthologie
: Conte Verlag
: 9783956020162
: 1
: CHF 5.40
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 220
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
'Gustave Kreydenbach lauschte auf sein Herz. Wie viele Schläge würde es ihm noch gewähren, wie viele Atemzüge, wie viele Mahlzeiten?' Der Mensch isst, um zu leben; der Franzose lebt, um zu essen. Die französische Küche vereint die regionale Vielfalt an frischen, hochwertigen Zutaten mit raffinierten und kräftigen mediterranen Aromen. Die geniale Kombination bei der einheimische Weine und Champagner nicht fehlen dürfen, beruht nicht zuletzt auf der landschaftlichen Vielfalt Frankreichs. Fruchtbare Felder, üppiges Weideland und weltberühmte Weingärten verführen zu einer Schlemmerreise durch das Land der Tafelfreuden. Kulinarische Köstlichkeiten, für die man sterben könnte ... manche sogar sterben müssen. Die Kriminalschriftstellerin Ingrid Schmitz hat ihre Kolleginnen und Kollegen gebeten, sich des delikaten Themas anzunehmen und ihr ein besonderes Menü zu liefern. Zusammengekommen sind 16 Krimi-Kurzgeschichten nebst nachkochbaren Rezepten, serviert auf humorvolle, makabere oder tiefgründige Art.

Anne Chaplet
Caillettes

»Ahhh, Bernard! Heute schon so früh?« Charlot goß einen Fingerbreit Ricard ins Glas und stellte es neben die Wasserkaraffe auf den Tresen.»Darfst dich wohl zu Hause gar nicht mehr blicken lassen, was?«

Bernard brummte, goß Wasser ins Glas und zwirbelte es zwischen den Fingern, bis der rotzweiße Pastis Blasen schlug.

»Läßt sie dich denn noch ins Schlafzimmer?« Charlot hielt ein Bierglas unter den Zapfhahn und ließ den Zahnstocher wippen, auf dem er kaute.»Ins Bad offenbar nicht, sonst hättest du dich mal rasiert, oder?«

Der Alte hob den Kopf und starrte auf Charlots Glatze. Man hatte einen ganz schönen Verbrauch an Zahnstochern, wenn man in der eigenen Kneipe nicht mehr rauchen durfte, dachte er.

»Aber mach dir nichts draus. Das gibt sich wieder.« Charlot stellte das Bier zu den drei anderen aufs Tablett, für Marie-Chantal, die draußen servierte. Draußen saßen die Touristen. Drinnen die Stammkunden. Alte Knacker, wie Bernard, bei denen der Feierabend immer früher begann, seit sie auf ihn nicht mehr warten mußten. Allerdings nicht schon nachmittags um vier. Heute war er der Erste.

Charlot wischte sich die Hände am Geschirrtuch ab, das er im Hosenbund stecken hatte.»Sie wird drüber hinwegkommen.«

Bernard deutete wortlos auf sein leeres Glas. Trinken war das einzige, was Charlots Geschwätz erträglich machte.

»Und du hast es ja nicht mit Absicht getan, wie?«

Nicht mit Absicht? Bernard hätte fast gegrinst. Ganz im Gegenteil. Mitvoller Absicht. MitHingabe. MitGenugtuung hatte er den fetten Köterüberfahren, unten in der Ruelle des Camisards, kurz vor dem Haus. Mit Befriedigung hatte er den Schlag und das helle Jaulen und das Schmatzen gehört, als er den Rückwärtsgang eingelegt hatte, um ein weiteres Malüber das verfluchte Vieh hinwegzurollen. Er hätte noch stundenlang so weitermachen können, so lange, bis er den widerlichen Fleisch-Fett-Fell-und-Knochen-Haufen in den Asphalt gewichst hätte. Aber dann mußte eine wildgewordene Touristin zu kreischen beginnen.

»Und was zu Essen kriegst du wohl auch nicht mehr, was? So dünn wie du bist.« Charlot stellte ein frisches Glas auf den Tresen. Noch war der Pastis im Glas klar. Bernard gab tropfenweise Wasser aus der Karaffe hinzu. Jetzt wurde die Flüssigkeit undurchsichtig wie feiner Nebel. Er mochte das.

»Soll ich dir einen Happen machen?«

»Danke, geht schon«, murmelte der Alte. Schlimm genug, daß er neuerdings hier zu Mittag essen mußte. Da mußte er sich nicht auch noch abends den Magen verrenken.»Muß abnehmen. Hoher Blutdruck. Der Doktor. Du weißt.«

Endlich kamen die anderen.

Adeline beobachtete ihn. Sobald er hochschaute, blickte sie weg. Aber er wußte, daß sie heimlich nach ihm sah.

Bernard saß auf der Bank, die Ellenbogen auf den Küchentisch gestützt, und schlürfte den Kaffee, den er sich gemacht hatte. Heute schon ganz früh, noch bevor sie aufgestanden war. Duftende Bohnen, mit der Mühle gemahlen, schwarz und stark und ohne Milch. Kein Zucker. Und dann hatte er zwei frische Baguettes von derBoulangerie geholt, die noch in ihrem Papier auf dem Küchentisch lagen. Er riß ein Stück von der goldgelben Kruste ab und stopfte es sich in den Mund. Keine Butter. Keine Marmelade. Man weiß ja nie.

Jetzt wieselte sie durch die Küche und bereitete das Mittagessen vor. Klapperte mit Töpfen und Pfannen. Sagte kein Wort. Seit dem Tod von Bijou sprach sie nicht mehr, jedenfalls nicht mit ihm. Sie weinte nicht. Sie schrie nicht. Aber sie beobachtete ihn.

»Es war ein Unfall«, hatte er gestottert, als er nach Hause gekommen war. Sie hatte das Vieh schon vermißt und nach ihm gerufen. Mit gerötetem Gesicht stand sie in der Haustür. Sah ihn an. Sagte nichts.

»Er ist mir ins Auto gelaufen.« Ihre Mundwinkel hatten gezuckt, kaum merklich.»Ich konnte nicht mehr bremsen.«

Sie hatte ihm den Rücken zugedreht. Und zwei Stunden später das Essen serviert. Das erste Mal, seit sie verheiratet waren, seit zweiundfünfzig Jahren also, hatte er keinen Bissen heruntergekriegt.

Er hörte das Stakkato des Küchenmessers auf dem Schneidebrett. Es begann, nach Zwiebeln, Knoblauch und Thymian zu riechen. Dann hörte er es zischen. Der Duft von angedünstetem Mangold stieg ihm in die Nase.

Hastig drückte er sich aus der Eckbank und stand auf.»Ich geh dann mal«, sagte er lahm. Sie antwortete nicht.

»Du siehst hungrig aus,mon chou«, sagte Marie-Chantal und tätschelte ihm den Arm.»Einenpichet? Was zu Essen?«

»Nummer drei«, sagte Bernard und ließ sich resigniert am Tisch neben dem Spielautomaten nieder. Die kackbraune Tischplatte fühlte sich klebrig an. Das wurde auch nicht besser, nachdem Marie-Chantal mit einem müffelnden Lappen darübergewischt hatte.