: Yvonne Hofstetter
: Sie wissen alles Wie intelligente Maschinen in unser Leben eindringen und warum wir für unsere Freiheit kämpfen müssen
: C.Bertelsmann Verlag
: 9783641137397
: 1
: CHF 2.70
:
: Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
: German
: 352
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Hochaktuelles Debattenbuch über die totalitäre Tendenz von Datensystemen

Die Snowden-Enthüllungen schreckten weltweit auf. Big Data heißt das neue Geschäftsmodell der Überwachung – haben wir die Kontrolle über unsere Daten längst verloren? Yvonne Hofstetter, Expertin für künstliche Intelligenz, klärt auf: Die unvorstellbaren Datenmassen, die sekündlich abgeschöpft werden und durchs weltweite Netz fluten, sind allein noch kein Risiko. Denn die Gefahr für die freiheitliche Gesellschaft geht von intelligenten Algorithmen aus. Sie analysieren, prognostizieren und berechnen uns neu, um uns zu kontrollieren – autonom, schnell, überall und immer. Sie verbreiten sich als selbstlernende Haustechnik, vernetzte Autos oder elektronische Armbänder. Hofstetter fordert dazu auf, das einzige Supergrundrecht unserer Gesellschaftsordnung, die Menschenwürde, gegen die digitale Revolution zu verteidigen. Sie plädiert für eine neue Gesetzgebung, eine Ethik der Algorithmen und eine gesellschaftliche Debatte darüber, was der Mensch in Zukunft sein will.

Yvonne Hofstetter, geboren 1966 in Frankfurt am Main, ist nach einem Studium der Rechtswissenschaften seit 1999 international in Softwareunternehmen tätig und für die Positionierung von Multi-Agentensystemen bei der Rüstungsindustrie und für den Algorithmischen Börsenhandel zuständig. Seit 2009 ist sie Geschäftsführerin der Teramark Technologies GmbH, eines Unternehmens, das auf die intelligente Auswertung großer Datenmengen mit Optimierern und maschinellen Lernverfahren spezialisiert ist. Yvonne Hofstetter hat aufsehenerregende Artikel in Medien wie der FAZ publiziert, bevor 2014 ihr Bestseller"Sie wissen alles" folgte.

Von fehlenden Daten, falscher Information und 290 Toten

Morgen ist amerikanischer Unabhängigkeitstag.

Die Sonne brennt hellüber dem Persischen Golf und lässt das Wasser himmelblau leuchten. Seine Azurfarbe verführt geradewegs dazu, kopfüber einzutauchen in die Wellen, um nach Luft schnappend wieder an der Oberfläche aufzutauchen und sich dann vom Meer sanft tragen und schaukeln zu lassen wie ein Kind im Bauch seiner Mutter, das dem Leben voller Hoffnung entgegenblickt.

Ganz anders als die vielen Leichen, die kopfüber auf der Wasseroberfläche treiben.

Es ist Sonntag, der 3. Juli 1988, im letzten Kriegsjahr zwischen dem Iran und dem Irak, die, wie sich später zeigen sollte, einen sinnlosen Krieg begonnen hatten. Nur einen Monat später, im August 1988, würde er ohne Sieger, stattdessen mit vielen Hundertausenden von Toten, zu Ende gehen. Doch bis es soweit war, sollte die Situation weiter eskalieren. Seit einigen Jahren griffen die Kriegsgegner immer wieder zivileÖltanker an, die den Persischen Golf mit ihrer wertvollen Fracht passieren mussten. Mit der Bitte Kuwaits an die Vereinigten Staaten, Geleitschutz zu gewähren, wurde der Konflikt ab November 1986 endgültig zum internationalen Geschehen. Als im Sommer 1987 die amerikanischen Tankereskorten einsetzten, waren im Persischen Golf bereits die Marinen von sechsNATO-Staaten involviert und räumten den Schifffahrtsweg und sein Nadelöhr, die Straße von Hormus, von Minen frei.

Während Großbritannien an jenem denkwürdigen Sonntag das größte Rüstungsgeschäft seiner Geschichte mit Saudi-Arabien abschloss, schien sich der Tag für die amerikanischen Kriegsschiffe im Golf nicht von anderen Einsätzen zu unterscheiden. Dass iranische Schnellboote, bewaffnet mit Maschinengewehren und Raketen, Handelsschiffe angriffen, war hässliche Routine des Tankerkrieges.Üblicherweise tauchten sie nahe der Meerenge auf und versuchten, Schaden anzurichten. Die FregatteUSSElmer Montgomery, die sich im nördlichen Persischen Golf aufhielt, hatte an diesem Morgen schon sieben, dann dreizehn Angreifer gezählt und beobachtet, wie sie sich einem pakistanischen Frachter näherten.

»Bitte bestätigen Sie: Benötigen Sie Hilfe?«

DieMontgomery hatte einen Funkspruch an den Frachter abgesetzt.

Die Antwort des pakistanischen Frachters schien nicht weiter beunruhigend.

»Negativ. Wir haben keinen Notruf abgesetzt. Wir werden nicht belästigt.«

Weiter nördlich explodierte etwas. Schnell folgte ein zweiter Knall.

Kraftvoll durchschnitt der schlanke KreuzerUSSVincennes die türkisfarbenen Wellen in Richtung Straße von Hormus. Wie andere Kreuzer seiner Klasse war dieVincennes darauf ausgelegt, Angriffe kleiner iranischer Schnellboote und Minen abzuwehren, und mit Lenkflugkörpern ausgestattet, um Ziele auf Land und imWasser anzugreifen. Doch dieVincennes war noch mehr:Ähnlich deutschen Fregatten war sie auf Luftverteidigungsaufgaben spezialisiert. Dazu führte dieVincennes ein vollständiges Luftabwehrsystem aus modernsten Radars, umfangreicher Flugabwehrbewaffnung und einer eigenen Luftabwehrzentrale mit. Die Hochtechnologie an Bord hatte ihr einen sehr zutreffenden Spitznamen eingebracht:Robocruiser, der»kreuzende Roboter«. Unaufhörlich blinkten in ihrem Kontrollraum, dem abgedunkeltenCombat Information Center (CIC), Bildschirme blau-weiß und schwarz-grün. DasCIC gehörte zum fortschrittlichsten High-Tech-Radarsystem seiner Zeit, dem man den NamenAegis verliehen hatte, eine Anspielung auf den Schild des griechischen Gottes Zeus. Das elektronische Warn- und Feuerleitsystem der amerikanischen Kriegsmarine war seit 1983 im Einsatz und hatte die Aufgabe, komplexe Luftkämpfe zuüberwachen, die sichüber hunderte Quadratkilometer erstrecken konnten. In Echtzeit zeichnete das System Flugdaten auf, verarbeitete und interpretierte sie und zeigte die Einzelheiten des Luftkampfs auf einem riesigen Display im Kontrollraum an. Um dasAir Theater, so die Verniedlichung der Militärs für»Luftkampf«, wirklichkeitsgetreu wiederzugeben und dabei gleichzeitig die große Anzahl potenzieller Ziele wie Aufklärer oder Raketen zuüberwachen, mussteAegis in der Lage sein, bis zu zweihundert Flugzeuge gleichzeitig nachzuverfolgen– keine leichte Aufgabe für ein System, das zu seiner Zeit nicht annäherndüber die Rechnerleistung heutiger Big-Data-Systeme mit ihren leistungsfähigen Parallelrechnern und miniaturisierten Speichern verfügte. Die vielen Computer, Displays und Datensammler desAegis-Systems waren deshalb hinter den großen Phased-Array-Antennen desSPY-1-Radars des Kreuzers untergebracht.

»Alles auf Gefechtsstation!«, wiederholte der Lautsprecher derVincennes. Auf und unter Deck herrschte konzentriertes Treiben, jeder Handgriff würde sitzen, oft genug war er eingeübt. Wer jemals Teil einer Kampftruppe war, wusste, er hatte auf nichts weiter zu achten als darauf, seine Aufgabe bestmöglich zu erfüllen. Um andere Probleme hatte er sich nicht zu kümmern, das erledigten seine Vorgesetzten für ihn. Für manchen Soldaten machte gerade das den Reiz seines Dienstes aus.

Als die Expl