Ich trage das Bewusstsein
meiner Niederlage vor mir her
wie eine Siegesfahne.
Fernando Pessoa
1 Frankfurt, Februar 1985
Mit einer Milchtüte in der Hand und einem flauen Gefühl im Bauch saß ich im Zug von Gießen nach Frankfurt, entschlossen, eine Bank zu überfallen. Draußen verschwamm der schwer auf die Erde drückende Februarhimmel in schwarzgrauen Tuschetönen. Auf einem Zaunpfahl fröstelte ein Mäusebussard, der die nackten Ackerschollen nach wärmendem Blut ausspähte. Ein Fußgänger kämpfte sich mit seinem Hund durch die unwirtliche Welt. Auf der Fensterscheibe der fettige Abdruck einer Kinderhand.
Was machte ich hier? War dies wirklich der einzige mögliche Ausweg? Oder war das Ganze nur ein spätpubertärer Anfall von Räuber-Romantik – der Kampf des einsamen Helden gegen dunkle anonyme Mächte? Oder hatte ich schlicht den Verstand verloren?
Alles hatte vor anderthalb Jahren begonnen. Ich lebte in Gießen in einer Wohngemeinschaft mit fünf Frauen. Eine von ihnen war gerade ausgezogen, und wir waren im Begriff, per Annonce eine neue Mieterin zu suchen, als Nazhin (unsere persische Mitbewohnerin, der ich zur Vorbereitung auf die deutsche Uni Sprachunterricht gab) uns fragte, ob wir nicht einen jungen Iraner, der in Gießen mit dem Studium begonnen und keine Bleibe hatte, vorübergehend aufnehmen könnten. Wir waren einverstanden, und der Iraner zog ein. Als nach zwei Monaten noch keine Miete auf unseremWG-Konto eingegangen war, sprach ich den jungen Perser freundlich darauf an. Er vertröstete mich mit gestenreichen Erklärungen auf den nächsten Monat, und als einen Monat später noch immer nichts eingezahlt war, auf den folgenden. Das Konto, das auf meinen Namen lief, geriet immer mehr ins Minus, zumal der Junge täglich in den Iran telefonierte, sodass seine Telefonschulden bald höher waren als die für die Miete. Ich war nie ein Hippie, aber tief in meinem Innern immer ein Beatnik, den Materielles nicht sonderlich interessierte, solange eine Flasche Wein greifbar war. Deswegen vertraute ich ihm mit Verständnis für seine Notlage und in gutgläubiger Hoffnung immer wieder aufs Neue und brachte es nicht einmal übers Herz, ihm seine Monstertelefonate zu verbieten.
Elf Monate lang hielt der Perser uns so hin, dann war das Zimmer eines Morgens plötzlich geräumt, der Bursche war verschwunden, und ich stand da mit einem Minus von über 6000 DMauf dem auf meinen Namen laufenden Konto. Jetzt, ein halbes Jahr später, waren es bereits knapp 7000 DM, und ich hatte noch bis Montagmittag um 13.30 Uhr Zeit, das Geld aufzutreiben, sonst würden nicht nur die Lichter in unserem Treppenhaus ausgehen. Ich hatte nicht allein Ärger mit der Bank, sondern mir saß (über den uns freundlich verbundenen Rechtsanwalt, der unter anderem die Hausbesetzergruppen in Gießen vertrat) auch der Vermieter im Nacken, die Stadtwerke wollten Strom, Wasser und Gas abstellen und d