: Brigitte Nueber
: An meine Tochter Brigitte
: Vindobona Verlag
: 9783902935373
: 1
: CHF 9.90
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 150
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
In einem Brief werden wahre Geschichten aus dem abenteuerlichen Leben meines Großvaters und Vaters erzählt. Vor und nach dem Ersten Weltkrieg hatten sie kuriose, aber auch zarte und humorvolle Erlebnisse. Bald heiter, bald besinnlich mit einem Schuss Sentimentalität, aber immer offen für die wichtigen Dinge des Lebens! Es ist ihnen nicht immer gut gegangen, aber sie haben niemals aufgegeben!

Brigitte Nueber wurde an einem 15. Juli in Wien geboren. Sie besuchte das Gymnasium und begann danach die Ausbildung zur Fotografin. Einige Jahre, bis sie heiratete, war sie als Pressefotografin unterwegs. Als ihre vier Kinder erwachsen und aus dem Haus waren, starb ihr Mann. Von frühester Jugend an schrieb und dichtete sie und jetzt begann sie erlebte und erfundene Geschichten in ihren Romanen zu erzählen.

Ein Brief
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Viele Jahre nach dem Tod meines Vaters entdeckte ich in seinem Nachlass ein dickes Kuvert, auf dem stand: An meine Tochter Brigitte!

Dazu muss ich erzählen, dass ich das einzige und sehr späte Kind, meines Vaters war und deshalb auch meine Großeltern, nichtmehr kennenlernen konnte. Um mir ein Bild von dem umtriebigen Leben meines Großvaters und meines Vaters machen, zu können, hat er diesen Brief geschrieben.

Liebe Brigitte!

Es gibt Menschen, die sind geborene Dichter, auch wenn sie nie im Leben eine einzige Zeile geschrieben haben. Sie erleben das Leben wie ein Abenteuer und nichts hält sie davon ab es zu schildern. So ein Mensch war dein Großvater. Von der Natur reich beschenkt, vom Schicksal misshandelt, vom Zufall dann und wann mit einem kleinen Treffer bedacht, damit er verschmerzt, dass er nie den Haupttreffer gezogen hat. Er war niemals auf einen grünen Zweig gekommen, der ihm gebührt hätte und trotzdem liebte dein Großvater das Leben. Besonders das Abenteuer zog ihn an, das auf und ab führte wie eine Schaukel, sodass er sich manchmal wie eine Schwalbe im blauen Himmel fühlte, bald den Staub der Erde schluckte. Sein abenteuerliches Leben endete mit einer Heirat und Sesshaftigkeit. Der Wanderlustige hatte jetzt Verpflichtungen und Familiensorgen.

Als dein Großvater, nichts mehr erleben durfte, erzählte er, was er erlebt hatte. Die Familie, wir Kinder und Freunde saßen manchen Abend dabei und hörten zu. Das waren unvergessliche Stunden. Viele, die nicht so viel erlebt hatten, fragten:„Warum schreibst du das nicht auf?“ Da wehrte mein Vater lachend ab.–„Wozu?“, fragte er.„Ihr wisst, dass ich nichts mehr verabscheue, als Vögel des Waldes in enge Käfige zu sperren. Seht, ein solcher Waldvogel ist das Leben und das Buch ist sein Käfig.“ Das war die Meinung Deines Großvaters und er ist davon auch nicht abgegangen. Aber der Vergleich mit dem Waldvogel hinkt! Das Leben ist im Buch nicht gefangen, es flattert aus dem Buch ja wieder in die Freiheit und ins Herz dessen, der es liest. Deshalb war es nicht richtig, es nicht aufzuschreiben. Darum versuche ich Dir, einige Geschichten aus der Erinnerung und dem Tagebuch meines Vaters zu erzählen. Mein Vater hat das Leben immer geliebt und ist nie davor zurückgeschreckt, sich an seinen Ecken und Kanten zu stoßen. Deshalb bekenne ich mich ganz als sein Sohn und hoffe, dass auch Du diesen Mut von ihm geerbt hast.

Als Dein Großvater, in jungen Jahren zum ersten Mal auf Wanderschaft ging, lockte ihn besonders der Zauber des Orients. Magisch von ihm angezogen entfernte er sich immer weiter von der Heimat. Wer um das Jahr 1890 das Abenteuer liebte, fand er es viel näher als heute. Schon in den Provinzen derÖsterreichischen Monarchie hauste die Romantik. Es war die Zeit als, Slatin-Pascha als Gefangener des Mahdi im Sudan schmachtete. Noch war das Abenteuer echt und die Angelegenheit einiger Wagemutiger. Sarajevo war damals erst vor zehn Jahren, durchösterreich-ungarische Truppen besetzt worden. Es war eine Stadt voll von orientalischem Zauber. Einhundertsechs Moscheen, von denen die Kaiser-Moschee und die Begowa Dzamia die größten waren. Sie streckten ihre schlanken Minarette in den tiefblauen Himmel. Alle Muezzine riefen zur selben Stunde zum Gebet. In der Carsia, dem Basar, herrschte von früh bis spät beängstigendes Gedränge. Alles wurde für gutes Geld feilgeboten und man merkte, dass es den Leuten gut ging. Niemand ahnte damals, dass der Name dieser friedlichen Stadt eines Tages die Welt erschüttern würde.

Am Rande der türkischen Altstadt lag damals auf dem Hügel ein altes Kastell. Auf seiner zerbröckelnden Mauer saßen damals der Willi Zackl, gebürtiger Ottakringer und gelernter Graveurgehilfe, der Maxi Odenal, der seinen Beruf sorgfältig verschwieg aber sehr schön auf dem Kamm blasen konnte und mein Vater. Sie hatten sich zufällig auf der Landstraße kennengelernt, einander als verwandte Seelen erkannt und hielten nun ein Palaverüber ihre Zukunft ab.

Drei Wiener Wanderburschen, mutterseelenallein in dieser türkischen Provinz, die de facto zwar zuÖsterreich gehörte, aber dem Wesen nach zum Orient.

„Es muss was g’schen!“, sagte Willi Zackl düster. Die steile Falte auf seiner Stirne ließ eine gute Idee erwarten. Er war derÄlteste und Erfahrenste von den Dreien. Er hatte bei den Deutschmeistern in Mostar gedient und trieb sich schon sehr lange hier herum. Er sprach Serbisch und Türkisch wie ein Eingeborener und kannte die Möglichkeiten sehr genau. Nacheinander war er Kellner, Koch, Pferdehändler, Musiker, Hausierer, Fremdenführer, Sprachlehrer und Pfleger bei einem alten, gelähmten Türken gew