19. Kapitel
Es waren eigens Ausrufer ausgesandt worden, die den Prozess auf dem Marktplatz samt der anschließenden Vollstreckung der Urteile überall in der Gegend verlautbarten.
Ellin hatte Tränen in den Augen, als sie sich ihr Gewand über den Kopf zog. Ihre Gedanken waren bei Jerg und dem Leben, das sie gemeinsam hätten haben können. Warum nur strafte Gott sie so? Erst Jonatha, dann Mathes und Linhart und nun Jerg. Es war, als würde jeder, der ihr lieb und teuer war, mit dem Tode bestraft. Ihr Blick streifte Berblin, die soeben die Nachttöpfe geleert hatte und nun wieder die Hütte betrat. Ellin hatte gehört, wie die Freundin draußen einen kleinen Schwatz mit den Wachmännern gehalten hatte, deren Anzahl auf vier erhöht worden war. Man ging anscheinend davon aus, dass Graf Friedrich erneut versuchen würde, Ellin zu ermorden. Und dass ihm dazu jedes Mittel recht war, hatten die Geschehnisse der letzten Tage ja gezeigt.
»Guten Morgen«, sagte Berblin. »Na, wie fühlst du dich?«
»Jerg ist tot. Wie soll ich mich da schon fühlen?«
»Ich weiß, es ist schwer. Mir fehlt er auch. Doch das Leben geht weiter, so schrecklich dir das jetzt auch scheinen mag. Heute werden seine Mörder hingerichtet. Und wir werden dabei sein und ihnen in die Augen sehen, wenn es so weit ist.«
»Glaubst du wirklich, dass wir zu der Hinrichtung gehen sollten?« Ellin seufzte. »Das bringt Jerg auch nicht wieder zurück.«
Berblin fasste die Freundin an den Schultern und suchte ihren Blick. »Nein, das nicht. Doch der Gerechtigkeit wird damit Genüge getan. Und nur so können wir eines Tages über das, was wir erleben mussten, hinwegkommen.«
»Gewiss hast du recht.«
Als sie sich auf den Weg nach Bremen machten, hatte Berblin ein Stück Brot in der Hand und biss immer wieder einmal etwas davon ab. Ellin hatte es dagegen abgelehnt, etwas zu sich zu nehmen. Ihr war speiübel, und allein die Vorstellung, etwas essen zu müssen, ließ sie würgen.
So liefen sie schweigend mit fast allen Dorfbewohnern und den zu Ellins Sicherheit abgestellten Wachen nach Bremen. Nur der alte Berthold hatte lieber bei seinen Bienen bleiben wollen. Also waren sie ohne ihn losgegangen.
In der Stadt herrschte helle Aufregung, obwohl es bis zum Prozessbeginn noch gut eine Stunde hin war. Zwei Jungen, die kaum älter als fünf oder sechs Jahre waren, rannten an ihnen vorbei, der hintere von ihnen mit einem Knüppel in der Hand und laut schreiend, er sei der Henker und werde den anderen gleich zur Hölle schicken. Ganz Bremen schien auf den Beinen zu sein.
»Es wäre gut, wenn Ihr Euch nicht allzu weit in die Menge der Schaulustigen wagt, damit wir Euch nicht aus den Augen verlieren«, sprach einer der Wachleute Ellin an. »In solch einem Gedränge ist es für uns schwer, den Überblick zu behalten.«
»Ist gut.«
Sie gingen noch ein Stück, bis sie wegen einer eng zusammenstehenden Traube von Menschen vorerst nicht weiterkamen. Geduldig reihte Ellin sich in die nur langsam vorankommende Menschenmenge ein.
»Ich werde nicht mehr mit zurückkommen«, sagte Ellin so leise, dass nur Berblin sie hören konnte, die direkt neben ihr ging.
»Was?«
»Nicht so laut, sonst werden die Wachen noch hellhörig.« Sie senkte abermals die Stimme un