6. Kapitel
Ruppert fluchte leise. Dieses verdammte Drecksstück konnte doch gar nicht so weit gekommen sein. In jedem noch so kleinen Kaff, durch das sie gekommen waren, hatten sie haltgemacht und gefragt, ob irgendjemand die Flüchtige gesehen hatte. Doch niemand wollte sie gesehen haben. Wie weit sollten sie sich denn noch von Hattingen entfernen, um dieser Kebse Herr zu werden? Den einzig brauchbaren Hinweis hatten sie in Ladbergen erhalten und sich danach sofort zur Hütte des Krüppels und seines Bruders aufgemacht. Aber den beiden hatte sie es wohl so gut besorgt, dass keiner von ihnen den Mund aufgemacht hatte. Anders war nicht zu erklären, dass die Brüder selbst noch unter Folter abgestritten hatten, sie zu kennen. Doch die Aussagen des Wirts und auch einiger anderer in der Schenke waren eindeutig gewesen. Dieses Miststück, das ihm das Gesicht verbrannt und ihn auf einem Auge hatte erblinden lassen, war bei den Bürstenmachern untergekommen und lebte dort schon seit mehreren Wochen. Daran bestand für Ruppert kein Zweifel. Das Weib des Wirts hatte gesehen, wie sie aus der Hütte geschlichen war und die Nachteimer entleert hatte, kaum nachdem sich der eine Bruder, der mit den gesunden Beinen, zum Holzsammeln aufgemacht hatte. Sogar angesprochen hatte sie die junge Frau mit dem Muttermal über der Lippe und den hellblauen Augen. Sogleich hatte das Wirtsweib erkannt, dass etwas an dem Mädchen anders gewesen war. Denn das Tuch auf seinem Kopf war weit nach hinten gerutscht, und sie kannte sonst keine jungen Weiber, die sich ihre Haare freiwillig abschnitten. Als sie sich hierüber in der Wirtschaft gewundert hatte, so berichtete der Wirt, hätte ein Durchreisender gesagt, dass die Nonnen im Kloster das normalerweise so machten, bevor sie sich züchtig den Schleier über das Haupt legten. Auch ihm, Ruppert, waren die kurzen Haarstoppel aufgefallen, als Ellin ihn in der Schmiede aufgesucht hatte. Sie musste es sein, dessen war er sich sicher. Doch in welche Richtung sie nach ihrem Aufenthalt bei den Brüdern gegangen war, das wusste nur der Herrgott allein.
Mürrisch starrte er auf die Mähne seines Gauls hinab. Nieselregen hatte eingesetzt, und schon bald klebten ihm die Kleider nass auf der Haut. Fast wäre sein Pferd gestürzt, als es sich in einer Kuhle auf dem matschigen Pfad vertrat. Schnell musste er reagieren, um nicht abgeworfen zu werden. Brutal stieß er dem Tier seine Hacken in die Flanken und riss gleichzeitig am Zügel, damit es ihm nicht ausbrach und losstürmte.
»Verdammter Gaul!«, schnauzte er los.
»Wir sollten Rast machen«, brachte einer seiner Begleiter schlecht gelaunt hervor. »Die Pferde brauchen eine kleine Erholung, und ich frier mir im Sattel noch den Arsch ab.«
Ruppert wollte ihn schon anherrschen, besann sich dann aber eines Besseren. Sie waren gut vorangekommen, und selbst wenn sie dieses Drecksstück bisher noch nicht gefunden hatten, konnte es ihnen doch unmöglich entkommen. Deswegen wollte er auch keine Uneinigkeit oder Missstimmung in ihrer kleinen Gruppe aufkommen lassen.
»Gut, dann kehren wir im nächsten Wirtshaus ein.«
Schweigend ritten sie weiter, bis sie Selete erreichten. Zu dem Nieselregen hatte sich noch ein stetiger Wind gesellt, der ihnen die Nässeschwaden in regelmäßigen Abständen he