Hole 2
Mit einem Hauch Entsetzen
St. Andrews Old Course, Schottland
Ein arabischer Waffenhändler, der inSt. Andrews Golf spielt, muss verrückt sein. Karim ist sich dessen bewusst, aber es war ja auch nicht seine Idee, hier anzutreten. Schwiegersohn Dschamal schlug die gemeinsame Runde vor, nachdem sie sich in London getroffen hatten. Etwas Besonderes sei es, auf dem legendärsten Golfplatz der Welt zu spielen, hatte Dschamal gesagt. Tatsächlich ist das Wetter besonders kühl und windig, und Karim istüberrascht, dass es nicht regnet. Er hasst schlechtes Wetter, weshalb er nur so viel Zeit wie unbedingt nötig in London verbringt. Die Stadt ist gut für Geschäfte, doch das Klima drückt ihm aufs Gemüt. Für die schottische Golfrunde hat er sich angezogen wie für eine Nordpolexpedition. Von der Daunenjacke fühlt er sich eingeengt, auch wenn sie ihn gegen den scharfen Wind schützt, der vom Meer kommt.
Karim, der Pünktlichkeit schätzt, wartet auf den Mann, den seine Tochter vor zwei Jahren geheiratet hat. Fadia– die Ritterin– blieb sein einziges Kind, nachdem ihre Mutter früh gestorben war. Sein Augapfel. Fadia wuchs zu einer starken und klugen Frau heran und studierte Physik in Oxford. Eine auffallende Schönheit war sie nie, aber auch kein Mauerblümchen. Selbstbewusst, fröhlich und liebenswert, so würde Karim seine Tochter beschreiben. Doch leider traf sie auf Dschamal, den Blender. Er hätte diese Hochzeit verbieten müssen, denkt Karim heute. Andererseits ist Fadia keine Frau, die sich von einem Mann etwas verbieten lässt. Bei allem Respekt für ihren Vater setzte sie fast immer ihren Willen durch. Es gab eine rauschende Hochzeit in London, dem Wohnort des Bräutigams.
Karim besitzt eine Wohnung in London, ein Penthouse in Buenos Aires und eine Strandvilla in Barbados. Er fühlt sich als Weltbürger: Als palästinensischer Flüchtling geboren, arbeitete er als Jugendlicher für die Amerikaner in Beirut, wurde von ihnen nach Afghanistan geschickt und entdeckte dort sein Talent als Handelsreisender. Karim machte sich selbstständig und entschied sich nach reiflicherÜberlegung gegen Rauschgift– und für das Waffengeschäft. Ein ebenso einträgliches Gewerbe, und er kannte die richtigen Leute. Russische Militärs zum Beispiel, die das Chaos der politischen Auflösung zur persönlichen Bereicherung nutzten.
Waffen werden immer undüberall gebraucht. Karim verkauft an alle, die es sich leisten können. Er ist weder ideologisch noch religiös festgelegt, auch wenn er mit Israel nun gerade nicht dealen würde. Sein Ruf in der Branche ist bestens. Er arbeitet zuverlässig, diskret und liefert immer pünktlich. Weshalb er Dschamal schon allein wegen seiner Verspätung erschießen könnte. Der Junge ist nichts wert, das ist die traurige Wahrheit. Hübsch, charmant und charakterlos. Ein Playboy aus reichem Hause, der seine Zeit mit Polo, Golf und ein wenig Kunsthandel verplempert. Karim ist es nach wie vor ein Rätsel, was seineüberaus kluge Tochter an diesem Idioten heiratenswert fand. Er kann ihn nicht leiden, auch wenn er immer gute Miene zum bösen Spiel machte. Jetzt allerdings hat sich die Lage geändert.
Seine Tochter braucht seine Hilfe. So zumindest hat er ihr Telefonat verstanden. Denn seit Fadia schwanger ist, verlangt ihr Mann von ihr, dass sie traditionelle Kleidung trägt. Einen Kaftan, der den Körper gänzlich bedeckt, und als Nächstes sei wohl der Niquab dran, der Gesichtsschleier, hatte Fadia voller Empörung gesagt. Als sie sich weigerte, soll Dschamal ihr beim letzten Streit sogar Prügel angedroht haben.
Fadia hatte am Telefon geweint, was ihrem Vater das Herz brach.»Du musst mit ihm reden, sonst wird es ein schlimmes Ende nehmen. So hast du mich nicht erzogen, Papa!«
Nein, hat er nicht. Karim wollte, dass seine Tochter eine berühmte Physikerin wird und den Nobelpreis gewinnt. Arabische Playboys waren in seinen Plänen für Fadia nicht vorgesehen gewesen. Doch als sie miteinander telefonierten, verkniff er sich Bemerkungen wie»Ich hab dir doch gleich gesagt, dass ihr nicht zusammenpasst.« Er hatte seine Tochter getröstet und ihr versprochen, mit Dschamal zu reden. Weshalb er jetzt auf diesem schottischen Golfplatz steht und friert und wartet. Angeblich spielen die schon seit 1552 in diesem rauen Klima, was für einen gewissen Masochismus spricht.
Karim ist normalerweise gern auf dem Golfplatz. Es ist ein guter Ort, um Geschäfte zu machen, abhörsicher zu verhandeln und den Körper zu bewegen. Auf sein Handicap 29 gibt er nichts, er hat weder Zeit noch Lust, an Turnieren teilzunehmen, um sich weiter herunter zu spielen. Seine Deals sind kräfteraubend, da