: Christine Grän, Fabienne Pakleppa, Manfred Schauer, Asta Scheib, Lena Gorelik, Sepp Krätz, Michael S
: Claudia Wessel
: Wiesn-Liebe Liebesgeschichten zum Oktoberfest
: konkursbuch
: 9783887698270
: 2
: CHF 7.60
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: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 288
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
'Ich kann nur sagen: Lesen Sie's und dann ist der Inhalt in verschiedener Variation zur Nachahmung sehr empfohlen.' (Dr. Gabriele Weishäupl,Wiesn-Chefin) 'Eine vielstimmige Liebeserklärung!' (SZ) Liebesgeschichten rund ums Münchner Oktoberfest.Die Sehnsucht ist es, die alljährlich sechs Millionen Menschen aus aller Welt auf das größte Volksfest der Welt treibt: das Münchner Oktoberfest. Sie reisen an aus Australien und Neuseeland, aus China und aus Arkansas, aus Pfaffenhofen und Oberammergau, aus Schwabing und aus Solln, und alle aus dem einen Grund: Sie sind auf der Suche. Nach Höhepunkten auf dem Riesenrad, Hitze im Bierzelt und warmer Haut im Gedränge. Nach dem Blitzen der Lichter, dem Rausch von Geschwindigkeit und Bier, nach Kicks wie der Hinrichtung beim 'Schichtl-Kabarett' und dem Absturz im 'Free Fall' und - nach Liebe. Sei sie kurz wie eine Achterbahnfahrt oder glitschig wie das Rutschen auf dem Teufelsrad, sei sie tief und innig oder verrucht und böse. Wer zur 'Wiesn' geht, ist bereit. Für alles. Wie die Liebe auf dem Oktoberfest anfangen, enden, weitergehen, ausbleiben kann, das beschreiben bekannte Münchner Autorinnen und Autoren und Wiesn-Schausteller, sowie die Wiesn-Reporterin (7 Jahre lang) der Süddeutschen Claudia Wessel.

Asta Scheib,Himmel. Blau. Chaos.


Jelena stemmte die hölzerne Jalousie hoch, die ihr Badezimmer verdunkelte. Die alten grünen Holzstäbeächzten, doch schließlich gaben sie den Blick frei auf die betauten Büsche und Blumen des kleinen Gartens, die einen ganz besonderen Duft ausströmten, den Jelena liebte und den sie vermisste, wenn sie an einem Ort aufwachte, der nicht den grünen Dämmer ihres Zuhauses hatte. An Sommertagen, wenn es richtig heiß war, hielt die Jalousie die größte Hitze ab und man konnte den ganzen Tag das Fenster offen lassen. Jelena sah zufrieden zum Himmel hinauf, der so blau zu werden versprach wie am gestrigen Tag. Auch die Wettervorhersage hatte strahlendes Wetter versprochen. Schließlich war Oktoberfest. Anstich im Schottenhamel. Für Jelena das Fest aller Feste. Sie wusste nicht, wann das angefangen hatte, dass sie das Oktoberfest kaum erwarten konnte. Früher war sie mit den Eltern und den Großeltern auf die Wiesn gegangen. Sie hatte alle Fahrgeschäfte ausprobieren dürfen, auf die sie Lust hatte. Besonders die Großeltern wollten Jelena und ihrem Bruder die schönste Wiesn bescheren. Kauften gebrannte Mandeln und Magenbrot, alle bekamen Schweinsbraten oder Gegrilltes und zum Schluss gingen sie gemeinsam zum Teufelsrad.

Aber nur der jüngsten Generation zuliebe. In Wahrheit machte sich nämlich niemand in Jelenas großer Familie etwas aus der Wiesn. Ihr Vater nicht, auch nicht der Onkel, obwohl beide noch gar nicht so alt waren. Gerade mal vierzig. Jelenas Bruder besaß zwar eine richtige Lederhose mit Hemd und Trachtenjoppe, er ging auch mit seinen Spezln auf die Wiesn, war aber nicht verrückt auf das Fest wie Jelena. Für sie war die Wiesn eine Bühne, ein immerwährendes Lustspiel, bei dem sie sich mit Trachtenklamotten verkleiden konnte, in denen sie noch ungenierter als sonst ihre Wirkung auf andere ausprobierte. Ging Jelena einmal querüber die Wiesn, hatte sie Blicke und wortlose Versprechen eingesammelt und ausgeteilt. Nirgends sonst fühlte sie sich so frei, lebte sie so unbeschwert in ihrem Körper, tanzte mit ihm im berauschenden Duft des Festes.

Wo nur Vera blieb? Jelena steckte den Kopf aus dem Badezimmerfenster und schaute zum Gartentor. Sie glaubte, Veras Schritte auf dem Gehsteig herankommen zu hören. Jelenas Herz klopfte vor Freude. Sie wollten sich aufmascheln, Vera und sie! Wenn sie wollten, konnten sie aussehen wie Zwillinge. Beide hatten braunes, gesträhntes Haar, das sie meist lang bis auf den Rücken trugen. Ihre dunklen Augen schminkten sie nach demselben System: viel Kajal, noch mehr Wimperntusche. Dunklen und hellen Lidschatten. Jelena und Vera waren noch nicht allzu lange gute Freundinnen. Veras Freund hatte sie sitzen lassen und sich Jelena zugewandt. Zu der Zeit lebte Vera noch am Ostbahnhof, sie kannte Jelena gar nicht, die in der Renatastraße wohnte. Dennoch war Vera so verletzt und wütend, dass sie Jelena die Schuld an ihrer Verzweiflung gab. Als Veras Familie in die Jagdstraße zog, stellte sie Jelena vergammelte Schweinsfüße vor die Tür. Das trieb sie so lange, bis Jelenas Vater die Geduld verlor und die stinkenden Teile zurücktrug in die Jagdstraße. Vera war dann eines Tages mit Blumen vor der Tür gestanden und dann hatten die beiden Mädchen gemerkt, wie gut sie einander gefielen. Inzwischen verbrachten sie viel Zeit zusammen und vor allem versuchte jede, die Schönheit der anderen noch mehr hervorzuheben. So, als könnten sie an ihr eigenes Aussehen nicht glauben. Lieber frisierte eine die andere, umrandete sorgfältig die Augen, tupfte Puder auf die Jochbeine. Keine der beiden verfügteüber ein großes Taschengeld. Sie brachten dennoch mit viel Fantasie auf Jelenas kleiner Nähmaschine ihre gesamte Garderobe auf den neuesten Stand. Was hatten sie vorher gemacht, ohne einander? Das wurden sie manchmal gefragt und dann lachten sie und waren verlegen.

Jelenas jetziger und Veras früherer Freund war für ein Jahr auf eine Karibikinsel, seine Heimat, zurückgegangen. Am Flughafen waren beide stumm vor Trauer gewesen. Ein alter Herr, der neben Jelena zurück zum Ausgang strebte, sagte zu ihr, dass sie nicht betrübt sein solle.„Nicht traurig sein. Ein so schönes Mädchen. Sie müssen die jungen Männer gegeneinander ausspielen.“ Jelena hatte ihn sich daraufhin zum ersten Mal angesehen. Er war ziemlich groß, ging etwas gebückt und roch sehr gut nach einem herben Parfüm. Wie er sie anschaute aus seinen grünen, klugen Augen, war Jelena auf seltsame Weise getröstet gewesen. Befreit. Irgendwie. Sie fand den Mann zwar etwas frivol, aber doch ungewöhnlich, und sie musste immer mal wieder an ihn denken.

Das Schloss der Gartentür schrammte mit einem hellen Ton gegen den Pfosten. Jelena hörte den raschen Schritt Veras, dieüber die Terrasse hereinkam. Vera hatte nur drei Minuten zu laufen, bis sie bei Jelena in der Renatastraße war.„He, wieso bist du im Schlafanzug?“, rief Jelena und Vera berichtete atemlos, dass sie total verschlafen habe und daher direkt aus dem Bett hergerannt war.„Bloß zwei Männer haben mich gesehen, aber die haben ganz schön blöd geschaut.“

Die beiden Mädchen gingen ins Badezimmer, das für eine Altbauwohnung ziemlich geräumig war. Jelena hatte in die große Wanne schon Wasser einlaufen lassen. Der Duft nach Vanille, Jelenas derzeitiger Lieblingsduft, erfüllte den Raum. Sie hatten Platz genug, um in der Wanne zu hocken und einander die Haare zu waschen. Mit Kopfmassage, klar.„Aaah, toll, du machst das klasse. Aber jetzt ist gut, jetzt bist du dran.“

In das nur kurz angetrocknete Haar flochten sie sich gegenseitig Zöpfe.