: Richard Lorenz
: Kinderland Fünfter Teil: Allerheiligenwunder
: hey! publishing
: 9783956070099
: 1
: CHF 1.80
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: Fantastische Literatur
: German
: 93
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Am 11. August 1999 schiebt sich der Mond vor die Sonne, ein Schatten fällt auf das Kinderland und macht das Vergessen sichtbar. Die Glut des Bösen entfacht in der Allerheiligennacht ein Fegefeuer der Gerechten. Denn die Zeit der Sühne ist gekommen. Das Weihnachtsbuch von Charles Dickens fest umschlossen, war Leonard in Roberts Bett eingeschlafen und hatte seinen Traum geträumt. »Zeig mir dein Schwänzchen«, hatte der Mann in diesem Traum gemurmelt. Ein Mann, dessen Beine dürr und so schwarz wie faule Zähne waren, Münzen klimperten in seinen geschlossenen Händen. Roberts Mutter stand neben ihm, mit grauen Mäusen auf der Schulter. Leonard blickte an sich herunter und sah, dass er nackt war. Mäuse und Ratten krabbelten an seinen Beinen empor. Mit einem stummen Schrei erwachte er und sah, dass der Morgen dämmerte und dass es schneite. Der letzte Tag im Oktober, vielleicht der letzte Tag in meinem Leben, dachte Leonard. Auf dem Fenstersims saß eine Maus und schien zu nicken. Was genau haben die Einwohner der kleinen Stadt während der Sonnenfinsternis gesehen? Was treibt sie im Hagelsturm der Allerheiligennacht auf die Straßen, den Wahnsinn im Blick? Die Untaten der Vergangenheit erhalten in dieser Nacht ein Gesicht - ein Anblick, den die Kinder von 1986 mehr als alles andere fürchten. Doch ihr Mut ist ungebrochen, denn sie sind nicht allein. Es ist an der Zeit, die Wahrheit zu erfahren und Erlösung zu finden. Die Wahrheit, die die Geister seit jeher flüstern, und die Erlösung, die auch in dieser Nacht nach einem Opfer ruft ... Allerheiligenwunder ist der fünfte und letzte Teil der Mystery Serial Novel Kinderland - tapfer trage fort mein Herz!

Richard Lorenz, geboren 1972 in Freising, und heute in München lebend, arbeitete im Bereich der onkologischen Pflege und Palliativmedizin, als freier Journalist für die Süddeutsche Zeitung Freising und als Konzertveranstalter, bevor er sich ganz auf das literarische Schreiben konzentrierte. Zahlreiche seiner Kurzgeschichten wurden seither veröffentlicht. Im Frühjahr 2014 erscheint zudem sein erster Roman »AMERIKA PLAKATE oder wie Leibrand aus der Welt fiel« in der Edition Phantasia.

31. Oktober 1999


 

Die Straße der Verlorenen

 

Um sieben Uhr morgens fiel der erste Schnee. Arik erwachte und fühlte sich benommen, fühlte sich wie von seinem Körper getrennt. Drehte sich zur Seite undübergab sich in den Eimer, den er vor dem Schlafengehen neben das Sofa gestellt hatte. Hinter seinen Augen brannte ein Feuer, und sein Bauch war schmerzhaft angeschwollen. Er quälte sich hoch und bemerkte die Schneespuren am Fenster. Von Schnee hatte er geträumt, von viel Schnee. Schnee, der sein Grab bedeckte, auf ewige Zeit. Mit ihm im Grab seine Schwester, die Augen aufgerissen. Er erbrach sich erneut.

Karla atmete ruhig. Vermutlich hatte er sie vor vier Stunden zum letzten Mal gelagert, aber er konnte sich nicht genau daran erinnern. Er fror und schwitzte zugleich.

»Du musst es durchstehen«, sagte Karla, und er nickte. Sie sagte es, ohne die Lippen zu bewegen, sie sagte es zwischen zwei Herzschlägen, mit seiner eigenen Stimme.

Arik stand auf, wankte, versuchte, nicht umzufallen. Ein Geistergesicht, verzerrt, blickte den Jungen aus dem schmalen Spiegel zwischen den Postern von Donovan und den Bee Gees an. Seine Haut war so gelb wie nass gewordene Spielkreide auf den Straßen. Er würde sterben.

»Nimm von dem Schmerzmittel, aber immer schön vorsichtig. Du weißt ja: All you need is love!«, sagte Karla, und Arik lächelte.»All you need is love«– das hatte Schwester Ruth manchmal gesummt, während sie die Morphinspritze aufgezogen hatte. Wenn Karla einen Dekubitus gehabt hatte, so groß wie eine Handfläche. Jesus Christus, mach die Schmerzen weg, dachte Arik. In seinem Bauch hockte ein Tier, und dieses Tier nagte an seinen Eingeweiden.

Ein säuerlicher Geruch hing in der Luft. Schneeflocken schmolzen an der Fensterscheibe.

In einer der Schreibtischschubladen fand Arik drei noch ungeöffnete Ampullen Morphin, je zehn Milligramm, die sich wie Patronen eines Revolvers in seiner Hand anfühlten. Unten in der Küche betete seine Mutter, und er stellte sich vor, wie sie auf dem schmutzigen Boden kniete, den Kopf in den Nacken gestreckt. Wo sein Vater war, wusste Arik nicht. Letztendlich war es auch egal.

»Herr im Himmel, Herr im Himmel, Jesus! Gottvater!« Die Stimme seiner Mutter wurde heiser.

Zwischen Waschzetteln und leeren Medikamentenschachteln lagen die Einwegspritzen. Arik riss die Verpackung auf, seine Hände zitterten, und einige Tropfen Urin rannen an seinem Oberschenkel herunter. Die Ampulle knackte leise, als er die Spitze abknickte. Helles Kratzen der Kanüle am Glas.

»Wie der Stich einer Wespe im Sommer«, vernahm er Karlas Stimme in seinem Kopf.

Er nickte. Es fühlte sich tatsächlich an wie ein Wespenstich, als die Nadel durch die Jeans in seinen Oberschenkel eindrang. Das Morphin brannte, als hätte er sich heißesÖl injiziert.

»Komm zu mir und schließ die Augen. Gleich ist es vorbei.«

»Ja«, flüsterte Arik, wankte zu Karla und legte sich neben sie ins Bett. Ihre Augen waren halb geöffnet, sie schien ihn anzusehen und ihr Atem roch nach einem frostigen Dezembertag.

Immer leiser werdend die Stimme seiner Mutter aus der Küche, nur noch lose Gebetsfetzen ohne Sinn. Plötzlich roch er frisches Gras, so als läge er in einem Löwenzahnfeld, um den Sommerhimmel und die vorbeiziehenden Wolken zu betrachten. Ein starker und guter Geruch, der dieÜbelkeit von ihm nahm. Arik schloss die Augen. Er sah Karla beim roten Haus stehen, ihre Haare länger und offen. Sah die Gespenster seiner dunklen Träume, die ihn berührten und seinen Namen flüsterten. Dann waren die Schmerzen fort. Und in dem Moment, als Arik eingeschlafen war, fielen auch Karlas Augen zu.

 

Magdalena hatte wieder kaum geschlafen, die Nächte in dem fremden Haus durchzogen von unheimlichen Geräuschen. Alfons’ altes Bett war viel zu schmal, und obwohl sie es frisch bezogen hatte, konnte sie immer noch den Staub der letzten Jahre riechen. In den wenigen Schlafphasen weit nach Mitternacht hatte sie wirre Träume erlebt.»Wir sind alle tot. Tot und verfault. So wie du, mein Schatz«, hatte das Mädchen auf dem Stuhl neben dem Bett zu ihr gesagt. Auf der Schulter eine Maus, die sich auf die Hinterbeine gestellt und Magdalena mit mondgelben Augen angestarrt hatte. Ein Mädchen, das Magdalena fremd war. Aufgeplatzt die Haut, getrocknetes Blut in den Haaren. Kleine, augenlose Maden, die aus ihrem Mund in ihren Schoß fielen, während sie sprach. Dann war dieses Mädchen zu einer Frau geworden, zu einer hässlichen Untoten mit Rattenaugen. In diesem Moment war Magdalena aufgewacht, und jetzt, kurz vor halb acht, war dieser Traum bleich geworden, der Stuhl neben dem Bett leer.

Hinter der Dachschrägenwand hörte Magdalena Mäusebeine trippeln. Sie fror, und als sie aus dem Fenster blickte, wusste sie auch weshalb: kinderfaustgroße Schneeflocken fielen vom Himmel. Gott sei Dank hatte sie ihre Kleider angelassen, Jeans, T-Shirt, Pullover und natürlich die Socken. Die Kälte zog durch das Haus, und Magdalena vermutete, dass mindestens eines der Fenster der unteren Räume kaputt war und vermutlich bereits Schnee ins Haus wehte. Sie fragte sich, wohin die Besitzer des Hauses, Alfons Eltern, gegangen waren, ob sie noch lebten oder schon längst tot waren. Das Wetter hatte sich verändert, der Himmel schien so nahe, als könnte man ihn berühren. Magdalena erinnerte sich an ihre Kindheit in einemähnlichen Haus. Dunkel und verzweigt die Bilder in ihrem Kopf, zerkratzt an der Oberfläche. Verloren die Vergangenheit, die nur aus Fragmenten einer Kindheit bestand. So muss der Scheintod sein, dachte sie sich.

Als sie in ihre Schuhe schlüpfte, stieß sie einen hellen Schrei aus und schreckte zurück.