Die Sonne war eben im Ostenüber die Spitze des Silbergs gestiegen, und ihr goldenes Licht erfüllte das Tal der kleinen Gemeinde Schlehbusch im Berchtesgadener Land.
Es war Juni, der Himmel wolkenlos und auch zu dieser frühen Stunde herrschten bereits angenehme Temperaturen. Noch lag der Tau auf den Blättern und in den Senken der Dunst, doch es würde nicht lange dauern, bis dieser sich hob. Mit dem Ansteigen der Temperaturen hatte sich in dem sanften Tal jenseits von Königssee und Zauberwald eine Symphonie fruchtbarer Grüntöne entfaltet.
Im Norden konnte man den Nationalpark Berchtesgadener Land erahnen mit seinen hohen Gipfeln und malerischen Naturdenkmälern. Am grünen Wasser des Königssees fand sich die berühmte Wallfahrtskapelle St. Bartholomä, das jedes Jahr von vielen Touristen aus aller Welt besucht wurde.
Südlich von Schlehbusch erhob sich der Untersberg auf knapp zweitausend Meter. Er schützte das Dorf vor plötzlichen Wetterumschwüngen und sorgte zugleich für regelmäßigen Niederschlag, denn die Wolken aus dem Salzburger Land mussten an dieser natürlichen Barriere steigen und abregnen.
Folgte man der schmalen und kurvenreichen Landstraße inöstlicher Richtung, gelangte man nach Ramsau, vorbei an den schönsten Aussichtspunkten. Da lag der Hintersee, eingerahmt von den himmelhohen Föhren des Zauberwalds.
Es gab mehrere Wanderparkplätze, die sich als Ausgangspunkt für Tageswanderungen und längere Touren in die majestätische Bergwelt bestens eigneten.
Schließlich fanden sich im Westen noch Oberau und Unterau, die Zwillingsgemeinden am Fuße des imposanten Tennengebirges.
Es war eine liebliche Landschaft, seit Jahrhunderten von Menschenhand geformt und gepflegt, aber trotzdem noch in ihrer Ursprünglichkeit erhalten.
Die Bewohner des Berchtesgadener Landes hielten viel auf den Fremdenverkehr. Auch in dem kleinen Flecken Schlehbusch gab es eine Pension und mehrere Höfe, auf denen Fremdenzimmer zu vermieten waren. Keiner verzichtete freiwillig auf eine solch lukrative Einnahmequelle. Doch man hatte auch Respekt vor der Gewaltigkeit der Natur, die im Winter mit starken Schneefällen und Lawinen immer wieder ihre Opfer forderte. Und man war zudem traditionsbewusst, fest verwurzelt mit seiner Heimat. Da kam es fast von selbst, dass die Leute hier auch etwas auf den Naturschutz gaben.
Keiner wäre auf die Idee gekommen, seine Heimat schonungslos auszubeuten, nur um des eigenen Vorteils willen. Und schlug doch mal ein Geschäftemacherüber die Stränge, wurde er von Freunden, Nachbarn und vor allem dem Gemeinderat in seine Schranken verwiesen.
Es war ein angenehmes und friedliches Leben im Tal von Schlehbusch. Das galt jedenfalls für die meisten Bewohner dieser idyllischen Gegend. Nicht aber für alle.
An diesem frühen Morgen, noch vor dem Frühstück, war Christel Huber bereits mit dem Traktor unterwegs.
Die Erbhofbäuerin war fünfundvierzig Jahre alt und noch immer eine schöne Frau. Das blonde Haar, das sie stets zu einem lockeren Knoten steckte, glänzte wie reifes Getreide im Sonnenlicht. In ihrem ebenmäßigen Gesicht zeigten sich kaum Falten, die klaren, rehbraunen Augen aber blickten ernst und manchmal auch streng in die Welt.
Christel war eine Frau, die mitten im Leben stand. Eine Frau, die bereits vieles mitgemacht hatte. Und der es keiner, auch heute noch nicht, wirklich leicht machte.
Die schöne Bäuerin vom Huber-Hof war schon so zeitig unterwegs, um den Reifegrad des Getreides auf ihren Feldern zu prüfen. Sie hatte einen untrüglichen Blick dafür, wann der richtige Erntezeitpunkt gekommen war. Da machte ihr keiner etwas vor, deshalbüberließ sie das auch keinem anderen.
Christels Vater hatte ihr das beigebracht, wie so manches andere auch. Er hatte eine Menge praktischer Fähigkeiten gehabt, die für einen erfolgreichen Bauern wichtig waren. Nur leider war er arm wie die sprichwörtliche Kirchenmaus gewesen und hatte nie einen Hektar Land besessen.
Christel stammte nämlich aus einer derärmsten Fami