: Monika Leitner
: Alpengold 167 Sie ging den schweren Weg ...
: Verlagsgruppe Lübbe GmbH& Co. KG
: 9783838756431
: Alpengold
: 1
: CHF 1.80
:
: Erzählende Literatur
: German
: 64
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Außer sich vor Wut ist der Wurzbacher-Veit, als der junge Kilian Adler um die Hand seiner schönen Tochter Leni anhält. Ein Habenichts und Hungerleider sei der Holzschnitzer, der sich auf dem reichen Wurzbacher-Hof nur ins gemachte Nest setzen will, tobt er. Doch die hübsche Leni ist entschlossen, um ihr Glück zu kämpfen und nicht von Kilian zu lassen. Noch in diesem Jahr will sie mit ihrem Schatz vor den Traualtar treten - notfalls auch ohne den Segen des Vaters ... Doch beim Perchtenlauf zur Fastnacht, dem traditionsreichen Umzug mit den alten Holzmasken, kommt es vor den Augen der Zuschauer zu einer lautstarken Auseinandersetzung zwischen dem alten Wurzbacher und einem der Maskierten! Am Ende des Tages wird Veit Wurzbacher in einer schmalen Gasse in seinem eigenen Blut aufgefunden - tot, erschlagen! Im Nu steht für alle fest, dass sein Mörder nur der Träger der Perchtmaske sein kann! Und das ist in diesem Jahr kein anderer als Kilian Adler ...

In breiten Bahnen fiel das blasse Licht der Wintersonne durch die Fester in die holzvertäfelte Stube des Wurzbacher-Hofs. Noch ließ der Frühling in den Bergen auf sich warten. Der weiß verputzte Ofen in der Ecke verbreitete eine behagliche Wärme.

Ein großer Korb voll Bügelwäsche stand mitten in der Stube, gleich neben dem aufgeklappten Bügelbrett. Geschickt fuhr die junge Leni mit dem heißen Bügeleisenüber ein weißes, geripptes Unterhemd. Dann faltete sie es gewissenhaft und legte es auf einen Wäschestapel, um sich gleich darauf das nächste Hemd vorzunehmen.

Das blonde Haar hatte die Bauerntochter mit einem bunten Band aus der Stirn gebunden, sie trug helle Jeans und einen Wollpullover, dessen leuchtendes Blau mit der Farbe ihrer Augen wetteiferte. Die schmalen Wangen waren rosig von der Ofenwärme. Ganz still war es in der Stube. Außer dem leisen Zischen des Bügeleisens auf der feuchten Wäsche und dem gleichmäßigen Ticken der alten Pendeluhr war nichts zu hören.

Wäre es nur immer so friedlich auf dem Wurzbacher-Hof wie in diesem Moment!, dachte Leni. Unwillkürlich entfuhr ihr ein leiser Seufzer.

In der Küche klapperten Töpfe, dort begann ihre Mutter wohl, das Mittagessen vorzubereiten. Draußen im Hof hörte sie das Brummen eines Motors. Offenbar war der Lastwagen gekommen, der das bestellte Kraftfutter für die Mastkälber bringen sollte. Das war gut so. Eigentlich hatten sie ihn schon vor zwei Tagen erwartet, aber dann hatte es noch einmal geschneit und der Fahrer hatte sich wohl nicht auf die oftmals schlecht geräumte Straße gewagt, die nach Obersteinbach führte.

Im nächsten Moment war es mit dem Frieden auf dem Wurzbacher-Hof vorbei. Krachend flog die Tür der Stube auf. Wie ein Gewitter stürmte der Bauer herein. Seine Gummistiefel hinterließen auf den blanken Holzdielen Spuren von Lehm und Schnee.

»Du dumme Gans! Bist du denn zu gar nix nütze!«, herrschte er Leni an. Sein rundes Gesicht war vor Zorn dunkelrot angelaufen, und die feisten Wangen wabbelten vor Erregung, die dunklen Augen sprühten Blitze. Erschrocken fuhr Leni zusammen. Sie war sich keiner Schuld bewusst.

»Was ist denn, Vater?«, stammelte sie.

»Was los ist? Das fragst du? Ha! Das falsche Futter hast du bestellt. Das ist los! Erst kommt die Lieferung zu spät, und jetzt musste ich alles wieder zurückschicken. Mit was soll ich die Viecher jetzt füttern? Na? Da sagst du nix mehr.« Der Bauer stemmte die Arme in die Seiten und baute sich vor ihr auf.»Du weißt doch, dass jeder Tag bei der Kälbermast zählt. Zumindest sollte dir das klar sein. Aber selbst das ist wohl zu viel verlangt bei meinem Fräulein Tochter.«

»Aber Vater«, presste Leni hervor. Ihre schmalen Wangen waren blass geworden.»Ich bin ganz sicher, dass ich das richtige Futter bestellt hab. Da muss der Händler sich geirrt haben.«

»Was!«, polterte Veit Wurzbacher.»Jetzt willst du die Schuld auch noch auf andere schieben, anstatt deinen Fehler zuzugeben. Das wird ja immer schöner. Du bist für den Schreibkram hier auf dem Hof zuständig. Aber diese Verantwortung hätt ich dir wohl besser netübertragen. Da sieht man’s wieder, alles muss man selbst machen.«

Leni biss sich auf die Lippen. Das war so ungerecht! Sie war ganz sicher, dass sie nichts falsch gemacht hatte. Seit sie die Buchführung und die Büroarbeiten für den Hof erledigte, war sie ganz besonders gründlich und ordentlich, weil sie wusste, wie wichtig das war. Allerdings hatte sie die Bestellung telefonisch aufgegeben, und so hatte sie keinen Beweis, dass der Fehler nicht bei ihr lag.

»Du sagst nix mehr?« Ihr Schweigen schien den Bauern nur noch mehr aufzubringen.»Mit Trotz kommst du auch net weiter. Jetzt gib deinen Fehler zu, schau zu, dass du so schnell wie möglich das richtige Futter beschaffst, und entschuldige dich gefälligst! Das ist wohl das Mindeste, was ich von meiner Tochter erwarten kann.«

Leni schossen Tränen in die Augen. Wie konnte sie etwas zugeben, was sie gar nicht gemacht hatte? Und sich obendrein noch entschuldigen? Oft genug gab sie nach, wenn der Vater ihr Vorwürfe machte, und das war viel zu häufig der Fall. Schon um des lieben Friedens willen verbiss sie sich manche Antwort, die ihr auf der Zunge lag. Aber das war einfach zu viel verlangt! Alles in ihr wehrte sich dagegen.

»Vater, so glaub mir doch!«, begehrte sie auf.»Du tust mir unrecht.«

»Was sagst du? Du wagst es, auch noch Widerworte zu geben?« Er machte einen Schritt auf Leni zu.»Dir werde ich schon Respekt und Ordnung beibringen! Dafür bist du mit deinen einundzwanzig Jahren net zu alt!«

Unwillkürlich ließ Leni das Bügeleisen los und hob schützend die Hände. Es war nicht das erste Mal, dass der Vater auf sie losging. In dem Moment stieg ein beißender Gestank vom Bügelbrett auf. Ein braun verbrannter Fleck breitete sich auf dem Unterhemd aus.

Entsetzt starrte Leni auf die Bescherung. Hastig riss sie das Bügeleisen fort, doch