: Hermann Schreiber
: Stille Winkel auf Sylt Insel der Reichen und der Schönen? Eine Korrektur
: Ellert& Richter Verlag
: 9783831910113
: 1
: CHF 8.50
:
: Deutschland
: German
: 120
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Stille Winkel auf Sylt? Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Wer sollte auf 'Deutschlands beliebtester Ferieninsel' oder gar auf der 'Insel der Reichen und Schönen' ausgerechnet stille Winkel vermuten? Jubel, Trubel, Heiterkeit sollen hier doch herrschen, an diesem Urlaubsort der 'Spaßgesellschaft'. Hermann Schreiber aber weiß: Es gibt sie! Es gibt die stillen Winkel - auch neben touristischen Großprojekten, Partys und 'Szene'-Treffs. Und sie sind das ursprüngliche, das wahre Sylt. Hier wird die Stille hörbar: im Wellenschlag des Meeres, an den endlosen Stränden, im tosenden Wind. 'Stille Winkel auf Sylt' lädt ein zur Begegnung mit den elementaren Kräften der Natur - im Listland und auf der Hörnum-Odde, am Morsum-Kliff und im Watt bei Munkmarsch. Und es führt zu Orten und Landmarken weit abseits vom Massentourismus: zu den Inselkirchen, auf den Friedhof für ertrunkene Seeleute in Westerland, zum Dammwärterhaus in Morsum, zur anderen Seite von Sansibar. Hermann Schreiber bringt in seinem Buch, einer kleinen Liebeserklärung an eine große Insel, Geschichte und Geschichten Sylts zum Sprechen.

Hermann Schreiber, Jahrgang 1929, war 15 Jahre Kolumnist beim SPIEGEL, dann Chefreporter und schließlich Chefredakteur von GEO, nebenbei auch Moderator der NDR-Talkshow. Er lebt in Hamburg und auf Sylt.

Insel der Reichen und der Schönen?

Eine Korrektur

Stille Winkel auf Sylt? Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Wer sollte auf„Deutschlands beliebtester Ferieninsel“ oder gar auf der„Insel der Reichen und der Schönen“ ausgerechnet stille Winkel vermuten?

Das Gegenteil gilt doch als angesagt: Jubel, Trubel, Heiterkeit, ein Dorado der Spaßgesellschaft, in der Saison jagt ein„Event“ das nächste, und wer dazu nicht eingeladen ist, der kann immerhin an den gut sichtbar geparkten„Traumautos“, den gestylten Ladies aller Altersklassen und den weltstädtischen Boutiquen nächst dem Kampener Strönwai, der sogenannten Whiskystraße, mal vorbeiflanieren. Aber kein stiller Winkel, nirgends.

So sieht es aus, zugegeben, und das schon seit Jahrzehnten, mindestens seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Da kamen die Baugesellschaften vom Festland und bauten Häuser und Apartments für Leute vom Festland. Da kamen auch die Reichen und die Schönen und machten Sylt zu einer Marke: Erlaubt ist, was gefällt, und Geld spielt keine Rolle. Das funktioniert im Prinzip noch immer, nur sind es nicht mehr so sehr die Reichen und die Schönen, die heute das Erscheinungsbild der Insel bestimmen, sondern es droht„in den Sommermonaten ein Massen- und Vergnügungstourismusà la Mallorca“, schreibt der Sylter Unternehmer Dirk Ipsen in seinem Schwarzbuch„Sylt. Verraten und verkauft“.

Es ist in der Tat die Frage: Wer oder was wird Sylt eher ruinieren– die Sturmfluten und der infolge des Klimawandels stetig ansteigende Meeresspiegel oder der Verbrauch der Insel„von innen heraus“, eben durch jenen massenhaften Vergnügungstourismus, dem diese dem Festland vorgelagerte schmale Sandbarriere in Wahrheit nicht gewachsen ist und der am Ende auch jene Attraktivität schwinden lassen wird, die ihn ausgelöst hat? Oder mit den Worten der Insulanerin Meta Ingwers aus dem Listland: Viele Fremde bringen viel Geld, noch mehr Fremde bringen noch mehr Geld;„aber wenn vor lauter Fremden von Sylt nichts mehr zu sehen ist, dann ist es vorbei mit Sylt“.

Solche Befürchtungen sind mitnichten neu. Der Lyriker und Erzähler Julius Rodenberg hat 1859, als Westerland schon zum„Seebad“ gekürt worden war, dies aufgeschrieben:„Viele von den Einsichtigen fürchten den demoralisierenden Einfluss, den die Leichtigkeit des neuen Gelderwerbs und der Besuch der verderbteren Städtebewohner ausüben könnte.“ Rodenberg, der auf der Insel noch die Einsamkeit gesucht (und gefunden) hat, war sich sicher:„Sylt würde den besten Teil seines Reizes verlieren, sobald das Leben daselbst anfinge, weniger einfach, weniger schlicht und natürlich zu sein. Wer den Luxus nicht entbehren kann, der hat die Modebäder; wer aber nach Sylt kommt, der will Ruhe haben, der will allein sein mit dem Meer und der Heide… Es werden Leute hierher kommen, die wie wir Sehnsucht haben nach der Stille, in der die erschütterten Saiten ihres Innern endlich einmal austönen können; Leute, die dem bunten, flüchtigen Tand entfliehen wollen, anstatt ihn aufzusuchen.“

Diese Leute kommen noch immer. Aber sie tun sich schwer, zu finden, was sie suchen. Heute stürmen den beliebtesten Strandabschnitt zwischen den Restaurationen„Sturmhaube“ und„La Grande Plage“ nach neuen Erkenntnissen der Kampener Tourismus-Direktion 200 000 Menschen pro Jahr, Tendenz steigend. Einen solchen Ansturm aber können auf die Dauer weder die natürlichen Grundlagen des Lebens und der Erholung auf der Insel noch deren naturgemäß begrenzte Infrastrukturen (der Straßenverkehr und die Trinkwasserversorgung zum Beispiel) aushalten. Fast sieben MillionenÜbernachtungen wurden 2009 auf Sylt gezählt. Die Zahl der Menschen, die sich gleichzeitig auf der Insel aufhalten können, ohne ihr zu schaden, hat ein Gutachten für die Kieler Landesregierung im Jahr 1974 mit 100 000 angegeben. Heute sind, nach Schätzungen desörtlichen Energie- und Wasserversorgers EVS, etwa doppelt so viele Menschen zur gleichen Zeit auf der Insel. Wenn die Verantwortlichen auf Sylt und dem nordfriesischen Festland diesen„Verbrauch von innen heraus“ nicht beenden, sägen sie den Ast ab, auf dem sie sitzen. Wissen sie denn nicht, was sie tun?

Jedenfalls nicht gut genug.„Wir wissen zu wenigüber unsere Insel“, sagt Unternehmer Dirk Ipsen.„Wie viele Vermietbetten gibt es tatsächlich? Wie viele Menschen befinden sich in der Spitzenzeit auf Sylt? Wie viele Sylter wohnen noch im Dorf und halten noch Grundstücke in Sylter Hand?“ Die Insel brauche endlich ein Entwicklungskonzept, einen„zukunftssicheren Masterplan“, und der setze eine möglichst genaue Analyse voraus.

Die soll es in Zukunft geben. Im März 2009 haben Westerland, Rantum und die Gemeinden in Sylt-Ost die Fusion zur Gemeinde Sylt zustande gebracht, ein neues kommunales Parlament gewählt und Dirk Ipsen zu dessen Vorsitzendem bestimmt. In seiner Neujahrsansprache 2010 hat der Bürgervorsteher gesagt:„Die Begehrlichkeiten greifen unsere Insel mit ungebrochener Gier an.“ Aber:„Wir lassen uns nichts mehr abhandeln und sagen Nein zu Begehrlichkeiten.“ Und das werde auch gelingen,„weil wir uns einig sind“.

Ob dieses Nein stark genug ist, den Begehrlichkeiten derer Paroli zu bieten, die durch den Verkauf von Bauland oder ihres Hausesüber Nacht zu Millionären werden können, und auch der Siegesgewis