Marie Buchinger lächelte glücklich, als sie durch die Räume der kleinen Wohnung schritt, die ihr Zuhause war.
Die Zimmer, eigentlich waren es eher Kammern, waren altmodisch und der Flur verwinkelt, doch sie wirkten anheimelnd. Dazu trug bei, dass sie von Marie liebevoll ausgestattet worden waren. Im Wohnzimmer wurde eine Wand von einem Bücherregal eingenommen, ein ausladendes Sofa mit Kissen in verschiedenen Größen lud zum Lesen ein, und in einer Ecke stand noch ein großer, gemütlicher Ohrensessel.
Neben dem Schlafzimmer, das mit Möbeln aus Zirbenholz eingerichtet war, und einem zweckmäßigen Arbeitszimmer, gab es nur noch eine winzige Küche und ein enges Bad.
»Da kannst ja noch net mal eine Maus drin frisieren«, hatte ihre Schwägerin abschätzig gesagt, als sie Maries neue Behausung in Augenschein genommen hatte.
Maries Gesicht verdüsterter sich, wenn sie an Silvana dachte, aber dann verdrängte sie alles, was mit ihrer Schwägerin zu tun hatte, denn sie wollte sich die Freude an ihrem Heim nicht verderben lassen. Besonders jetzt, wenn die Sonne hereinfiel und ein sanfter Sommerwind die weißen Gardinen am offenen Fenster aufbauschte. Die leuchtenden Farben der Läufer, die auf den honigbraunen Dielenbrettern lagen, kamen so zur Geltung und auch der rote Blumenstrauß, der den Tisch schmückte.
Sie nahm sich vor, die Blumenkästen an den Fenstern im nächsten Frühsommer mit Geranien zu bepflanzen. Und der Flur, von dem noch eine Abstellkammer abging, war recht kahl, und würde mit einer Bilderreihe einladender aussehen.
Eigentlich war diese Wohnung ja eine Besonderheit, denn sie lag im Obergeschoss der Schule des kleinen Gebirgsortes, wo Marie nun ihre erste Stelle als Lehrerin antrat. Alles hatte sich so glücklich gefügt – der schon recht greise Schulmeister war nun doch in Ruhestand gegangen und mit seiner jüngeren verwitweten Schwester zusammengezogen. Und so hatte sich Marie die Möglichkeit geboten, in ihr Heimatdorf zurückzukehren, nach dem sie sich während ihrer Ausbildung vor Heimweh verzehrt hatte.
Manchmal beschlich sie allerdings der Verdacht, dass ihr Vater, der reiche Franz Josef Buchinger, seinen nicht unbeträchtlichen Einfluss geltend gemacht hatte, dass sie hierher versetzt wurde, doch auch daran mochte sie nicht denken. Jedenfalls würde sie die Kinder, die ihr anvertraut werden würden, nach bestem Wissen und Gewissen unterrichten und fördern, denn Marie Buchinger sah in ihrem Beruf eine Berufung.
Dass ihr nun diese Wohnung, so bescheiden sie auch sein mochte, zur Verfügung stand, war noch ein weiterer großer Vorteil, der Maries Wünschen sehr entgegenkam. Denn sie hatte, bevor die Räume bezugsfertig waren, nach ihrer Rückkehr aus der Stadt ein paar Wochen auf dem Buchinger-Hof gewohnt.
Und selten war ihr eine Zeit so lange und unerträglich vorgekommen wie diese Zeit in ihrem Elternhaus.
Es hatte nie ein offenes Zerwürfnis zwischen ihr und ihrer Familie gegeben, und dennoch fühlte sich Marie nicht wesensverwandt mit ihren Angehörigen. Besitzstolz und Eigennutz prägten das Verhalten der Buchingers, verbunden mit einem Hang zu Traditionen, die nicht mehr zeitgemäß waren. Seitdem ihrälterer Bruder, der Hoferbe, geheiratet hatte, war alles noch schlimmer geworden, denn ihre Schwägerin brachte ihr offene Abneigung entgegen und versäumte keine Gelegenheit, Marie in einem schlechten Licht erscheinen zu lassen.
Am kommenden Sonntag würde auf dem Hof ein großes Familienfest stattfinden, zu Ehren Buchingers, der seinen sechzigsten Geburtstag feierte. Marie sah dieser Feier mit Bangen entgegen, doch für ihren Vater wäre es wie ein Schlag ins Gesicht, wenn sie nicht daran teilnehmen würde.
Marie seufzte und ließ sich auf das Sofa sinken. Zerstreut nahm sie ein Buch zur Hand und legte es dann wieder auf den Tisch vor ihr. Es gab noch etwas anderes, was sie innerlich nicht zur Ruhe kommen ließ.
Während ihrer Ausbildung hatte sie sich mit einem anderen Studenten angefreundet, dessen Zielstrebigkeit und engagierte Einstellung sie bewundert hatte. Auch er war von ihr angetan gewesen, sie begannen, miteinander auszugehen, und allmählich entwickelte sich eine Liebesbeziehung zwischen ihnen.
Maries Entschluss, wieder in ihre Gebirgsheimat zurückzukehren, hatte ihr bisheriges Einvernehmen ins Wanken gebracht. Er konnte nicht begreifen, dass sie sich in»der Einöde vergrub, wo das Leben an ihr vorübergehen würde«, wie er es ausdrückte. Sie hatten sich heftig gestritten, doch Marie beharrte darauf,