Gerhardine Gräfin von Seggern genoss den milden Frühlingstag. Sie saß mit dem Rücken an die dicke Kirchenmauer gelehnt, die in zwischen so viel Sonne gespeichert hatte, dass sie der alten Gräfin den Rücken und die alten Knochen wärmte. Die betagte Dame, seit Kurzem neunzig Jahre alt, war klein, zierlich und von diversen altersbedingten Gebrechen gezeichnet.
Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust. Sie betrachtete ihre runzligen Hände und wusste, dass ihr Gesicht ebenso faltig aussah. Wenn sie sich im Spiegel betrachtete, kam ihr das einst so schöne Antlitz wie eine Landkarte vor – eine Landkarte jenes Lebens, das es nicht immer gut mit ihr gemeint hatte.
Einzig die blauen Augen blitzten und funkelten vor Lebendigkeit und zeigten jedem, dass der Körper der Gräfin schwach geworden sein mochte, ihr Geist hingegen immer noch vor Vitalität sprühte.
Sie saß gern hier in der Sonne auf der Bank neben dem Eingang zu der kleinen Kirche aus Ziegelsteinen. Die Kirche mit dem mächtigen, wehrhaften Turm lag auf einem kleinen Hügel, und der Friedhof ringsherum war terrassenförmig angelegt worden. Hier fühlte Gerhardine sich geborgen. Hier ruhten all die Menschen, die ihr in ihrem Leben etwas bedeutet hatten und die längst von ihr gegangen waren.
Die Grafenfamilie von Seggern hingegen besaß eine Gruft unter der Kirche, doch da wollte die Gräfin nicht bestattet werden. Dort würde keine Sonne jemals ihr Grab wärmen – eine Vorstellung, die der alten Dame nicht sonderlich behagte. Auch ihr Mann hatte seine letzte Ruhestätte in der Familiengruft gefunden. Gerhardine bedauerte das nicht. Sie hatte ihn nicht so lieben können, wie er es verdient gehabt hätte, denn ihr Herz hatte immer einem anderen gehört.
Orgelklänge aus der Kirche drangen leiseüber den Friedhof, und Gräfin Gerhardine genoss es. Miriam Bartels spielte gut. Die Kirchengemeinde konnte sich glücklich schätzen, sie nach ihrer Rückkehr in den Ort als Organistin gewonnen zu haben.
Wieder seufzte die Gräfin tief, und ihr Blick wanderte zu der niedrigen Steinmauer. Die Mauer schützte den Friedhof vor den Wassern des Burggrabens, der die alte Burg Windhusen umgab.
Der Wohnsitz der Gräfin versprühte einen gewissen maroden Charme. Auch hier hatte die Zeit ihre Spuren hinterlassen. Verlassen lag die Burg da und konnte nicht verhehlen, dass sie schon bessere Zeiten gesehen hatte. Irgendwie trostlos, durchfuhr es die Gräfin, so trostlos wie ihr Leben.
Früher, ja, da hatte es Leben in den alten Mauern gegeben. Kinderlachen! Früher, als ihre Tochter und ihre Enkelkinder sie noch in den Schulferien besucht hatten. Doch das war lange vorbei, denn mit dem Ende der Schulzeit hatte ihr Schwiegersohn diese Besuche fürüberflüssig gehalten.
Der Gedanke an Albin Fürst von Erlenthal ließ die alte Gräfin erschauern. Sie hatte ihren Schwiegersohn von Anfang an nicht gemocht – ebenso wenig wie er sie. Gerhardine verstand bis heute nicht, wie ihre einzige Tochter sich in einen derart despotischen und herrischen Mann hatte verlieben können.
Leonharda war zu einem freien und unabhängigen Menschen erzogen worden, wie es hier in Ostfrieslandüblich war. Doch offenbar wollte sie nicht frei und unabhängig sein, denn sie hatte sich ihrem Mann vollkommen untergeordnet und fügte sich seinem Willen, den er auch seinen Kindern aufzwang.
Fürst Albin war der unabhängige Geist seiner Schwiegermutter suspekt, und er hatte seiner Frau den Umgang mit ihr schlichtweg verboten. Leider hielt sich Gerhardines Tochter an diese Weisung.
Mühsam erhob sich die alte Gräfin nun von der Bank und nahm den Strauß Wiesenblumen auf, den sie neben sich gelegt hatte. Sie hatte ihn am Rand des Waldes gepflückt, der die Zufahrt zur Burg und zur Kirche nach Süden hin begrenzte.
Es war kein großer Strauß, denn das Bücken fiel Gerhardine mittlerweileäußerst schwer, ebenso wie das Gehen. Außerdem war es noch zu früh im Jahr, um eineüppige Auswahl an Wiesenblumen geboten zu bekommen. So bestand der Strauß lediglich aus wilden Margeriten, Butterblumen und den ersten Kornblumen.
Schwer stützte sich die Gräfin auf ihren Gehstock, während sie zu einem schlichten Grab ging, auf dem eine große Granitplatte lag. Goldene Buchstaben bildeten den Namen Rainer Bartels, und Gerhardines Herz wurde schwer.
Rainer Bartels – die große Liebe ihres Lebens, ihre einzige, wahre Liebe! Doch er war der Sohn eines Kleinbauern gewesen, hatte später als Knecht und dann als Verwalter auf dem Gut der Grafen von Seggern gearbeitet – so weit unter ihrem Stand, dass sie sich nie zu ihrer Liebe hatte bekennen dürfen. Weder seine noch ihre Familie hätten das damals zugelassen.
Und doch war die Liebe, die sie füreinander gefühlt hatten, niemals gestorben, auch wenn sie beide jemand anderes geheiratet hatten. Und auch jetzt, zwanzig Jahre nach Rainers Tod, war diese Liebe noch immer lebendig.
Gerhardine wollte sich bücken, um die Blumen abzulegen. Rainer