: Roland Spranger
: Elementarschaden Thriller
: Bookspot Verlag
: 9783956690105
: 1
: CHF 2.70
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 260
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Privatdetektiv Thorsten Kulik wird von einer Versicherung beauftragt, Blitzunfälle mit Personenschaden zu untersuchen. Er trifft auf merkwürdige Blitzopfer: Einen Einsiedler mit Alien-Kontakt. Eine durchgeknallte Rock-Band. Eine komplette Fußballmannschaft. Währenddessen muss Thorstens Kompagnon Ralf das Tagesgeschäft aufrechterhalten: Ehebruch, Schwarzarbeit, Nachbarschaftskriege. Die Arbeit wird für die Detektive unangenehm, als ein Stalker anfängt, ein bösartiges Spiel mit ihnen zu treiben. Immer ist ihr Gegner einen Schritt voraus. Die beiden Ermittler leben zunehmend gefährlich. Als Thorsten Annika trifft, wird die Situation noch chaotischer. Nach einem Blitztreffer hat sie das Gedächtnis verloren: An guten Tagen kann Annika sich nicht an die Namen ihrer Kinder erinnern - an schlechten Tagen weiß sie nicht, dass sie Kinder hat. Thorsten interessiert sich ein bisschen zu sehr für Annika. Im besten Fall unprofessionell ... Elementarschaden vorprogrammiert. Der neue Roman von Roland Spranger, ausgezeichnet für 'Kriegsgebiete' mit dem Friedrich-Glauser-Preis 2013 in der Sparte 'Bester Kriminalroman'.

Roland Spranger, Jahrgang 1963, arbeitet als Betreuer in Wohneinrichtungen für psychisch Kranke und geistig Behinderte. Daneben ist er als Theater-Autor erfolgreich, zuletzt mit 'Das Comeback des Jahres', das im März 2012 uraufgeführt wurde. Roland Spranger lebt und arbeitet in Hof. Mehr über den Autor auf seinem Facebook-Profil.

AHA, dachte ich mir


Thorsten beobachtete Grubers Anwesen mit einem Fernglas, das nach den Angaben des Herstellers wegen seiner Vielseitigkeit keine Wünsche des anspruchsvollen Sport- und Naturfreunds offenließ. Er selbst hatte keine besonderen Anforderungen bezüglich der Vielseitigkeit eines Fernglases. Ihm genügte es, größer zu sehen, was weit weg war. Um beim Blick durch die Linse nicht seekrank zu werden, stützte Thorsten seine Ellbogen auf einem Felsen ab, auf dem Goethe sich schon einmal niedergelassen hatte. Angeblich hatte der Dichterfürst hier sogar eine Zeichnung angefertigt. Landschaft vermutlich. Goethe waren Fotoapparate unbekannt gewesen. Thorsten schoss eine Fotoserie von Gruber, während dieser minutenlang nackt mit ausgebreiteten Armen im Garten stand. Dann ging Thorsten einen gewundenen Pfad nach unten. Einer Befragung entgegen. Er selbst bevorzugte die BezeichnungInterview.

Vorsichtigöffnete Thorsten ein wackliges Gartentor, das sich mit einem widerwilligen Quietschenüber den Eindringling beschwerte. Wie stille Wächter ragten mannshohe Disteln bis weit in den Fußweg zu Grubers Haus. Um dem stachelbewehrten Griff der Blätter zu entgehen, arbeitete sich Thorsten unter Verrenkungen den Pfad entlang. Der Wunsch nach einer Machete kam in ihm auf. Erschwert wurde die Expedition zur Haustür durch die vielen auf dem Pflaster verstreuten Fotos. Thorsten versuchte, auf keines der Bilder zu treten. Auf Zehenspitzen sprang er in einem Meer aus Fotopapier von einer kleinen Insel zur nächsten. Als Kind hatte er eine Zeit lang versucht, sich auf dem Pausenhof fortzubewegen, ohne die Fugen zwischen den Pflastersteinen zu berühren. Ein paar seiner besonders fiesen Klassenkameraden hatten das schließlich mitbekommen und ihn zum bevorzugten Ziel ihrer Erniedrigungsanstrengungen auserkoren. In den folgenden Wochen hatte er sich während der Pausen in einer wenig benutzten Toilette neben dem Werkraum eingesperrt. Natürlich war das Versteck irgendwann aufgeflogen. Ab diesem Zeitpunkt mied er die Toilette, weil er gerade dort seinen Mitschülern schutzlos ausgeliefert war. Einmal machte er sich in die Hose und seine Mutter war daraufhin zu einem Gespräch von seiner Klassenlehrerin eingeladen worden. So ein Scheiß fällt einem immer ein, wenn man es nicht brauchen kann, dachte Thorsten. Man konnte den Scheiß aus der Kindheit nie brauchen.

Die Bilder auf dem Gehweg zu Grubers Haus waren anscheinend achtlos hingeworfen worden, jedenfalls konnte Thorsten kein Muster erkennen. Landschaften, Aktfotos von Männern und Frauen, Sonnenuntergänge, exotische wie einheimische Flora und Fauna sowie Schnappschüsse, die offensichtlich vom Fernseher abfotografiert worden waren. Auf keinem der Fotos war Gruber zu sehen. Ein fragmentarisches Lebenspuzzle ohne den Hauptdarsteller. Seltsam für einen Typen, der gerne nackt im Garten steht. Auf dem Rückweg würde er die Bildmotive noch einmal genauer in Augenschein nehmen, nahm Thorsten sich vor. Vor der Eingangstür des alten Bauernhauses drehte er sich noch einmal um. Eine Berufskrankheit. Dann klingelte er.

Gruber trug mittlerweile einen pinkfarbenen Trainingsanzug. Der Reißverschluss der Jacke war offen. Darunter lugte ein blaues Grateful-Dead-Shirt hervor. Gruber hatte seine wenigen verbliebenen grauen Haarsträhnen zu einem Pferdeschwanz gebunden. Vermutlich sollten die ruinösenÜberreste einer irgendwann mal vorhandenen Frisur das Hippie-Image des Fünfundsechzigjährigen unterstreichen.

»Thorsten Kulik. Die Versicherung schickt mich, um Ermittlungen in Ihrem Versicherungsfall durchzuführen«, sagte Thorsten ohne Umschweife.

Mürrisch bat Gruber Thorsten herein. Als Erstes fielen Thorsten die Fressnäpfe mit Katzenfutter auf. Sofort musste er niesen. Außerdem stellte sich Juckreiz an den Unterarmen ein. In der Küche schenkte Gruber Kaffee ein und stellte eine Tasse mit Comic-Motiv vor Thorsten auf den Tisch. Sesamstraße. Das orange Gesicht Ernies auf knallgelbem Untergrund. Der Kaffee schmeckte nicht mal schlecht.

»Warum sagen Sie mirüberhaupt, dass die Versicherung Sie schickt?«, fragte Gruber.

»Fair Play«, antwortete Thorsten.

»Fair Play?«

»Ja, ich bin dafür. Sie nicht?«

»Ich finde, Detektive sollten verdeckte Ermittlungen durchführen.«

»Wer sagt, dass ich das nicht gemacht habe?« Thorsten zog Fotos einer früheren Observation aus der Jackentasche und schob sieüber den Küchentisch.

Gruber legte die Abzüge wie eine Patience vor sich ab. Er kratzte sich am Kinn. Die weißen Bartstoppeln knisterten wie ein schlecht eingestellter Radiosender.

»Beim Wäscheaufhängen sehe ich scheiße aus.«

»Beim Wäscheaufhängen sieht jeder scheiße aus.«

»Darf ich die Kamera sehen?«

Thorsten legte die kleine silberfarbene Kamera vor Gruber auf den Holztisch. Der Alte nahm sie in beide Hände und musterte sie eingehend von allen