1. Kapitel
Drei Tage zuvor, Burg Isenberg am4. November1225
Der Anstieg war steil, und bei jedem Ausatmen entstiegen Ellins Mund kleine Atemwölkchen. Ihr machte die Anstrengung nichts aus, obwohl der nahende Winter schon jetzt sein eisiges Tuch über das Land gebreitet hatte. Jonatha hingegen, die beleibte Novizin, mit der sie gemeinsam den geflochtenen Korb zur Burg hinauftrug, war die Mühe deutlich anzusehen. Sie schnaufte und keuchte, bat Ellin ein ums andere Mal, eine kurze Rast zum Durchatmen einzulegen, und musste manch gotteslästerlichen Fluch hinunterschlucken, wenn sie auf dem glatten Untergrund den Halt zu verlieren drohte.
»Ich kann den Korb das letzte Stück allein tragen, Jonatha. Lass gut sein.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, griff Ellin nach dem anderen Henkel und zog das Behältnis ganz zu sich herüber.
»Danke.« Jonatha keuchte noch immer. »Aber sag, wenn es dir zu viel wird.«
»Es ist ja nicht mehr weit.«
Obwohl sie den Korb nun ganz allein trug, schien es Ellin, als hätte sich ihre Last insgesamt dennoch verringert, da sie Jonatha, die mehr am Korb gehangen, als dass sie ihn getragen hatte, nun nicht mehr hinter sich her den Berg hinaufziehen musste. Einzig störte sie sich an ihrem Kleid, dessen Saum beim Überqueren der flachen Furt gierig das Eiswasser in sich aufgesogen hatte. Kühl und nass klebte der Stoff nun an ihren Waden, und langsam kroch die Kälte bis zu ihren Schenkeln hinauf.
Ein dumpfes Grollen über ihnen ließ Jonatha ängstlich zum Himmel hinaufsehen.
»Dass jetzt nur nicht noch ein Unwetter aufzieht.«
Ellin folgte ihrem Blick. Die Wolken hatten sich zu einer quellenden, dunkelgrauen Masse zusammengezogen. »Wenn wir uns nicht beeilen, werden wir die Burg gewiss nicht mehr erreichen, bevor der Regen auf uns niederprasselt.«
Sie beschleunigte ihren Schritt und kam trotz des schweren Korbes schneller voran als Jonatha, die ihr mit immer größer werdendem Abstand folgte.
Kurz bevor Ellin das Burgtor erreichte, setzte ein gewaltiger Schauer mit Hagelkörnern ein, die teilweise hühnereigroß waren. Heftig trommelte sie gegen das Tor.
»Öffnet! Wir bringen die georderten Waren aus dem Kloster!«
Sofort wurde der Riegel beiseitegeschoben, und ein Wachmann ließ sie eintreten.
»Nun komm schon, Jonatha!« Es klang harscher, als sie es beabsichtigt hatte, doch verfehlte die Aufforderung ihre Wirkung nicht. Die Angesprochene hob den Rock und rannte das letzte Stück.
Sofort schloss die Wache hinter ihnen wieder das Tor und brachte den Riegel an. Das Gesinde, das im inneren Burghof seinen Arbeiten nachkam, versuchte, sich vor den niederprasselnden Eisklumpen in Sicherheit zu bringen, und die beiden Novizinnen stießen ein ums andere Mal mit jemandem zusammen, während sie sich mühten, zum Eingang des Küchengebäudes zu gelangen. Fast hätte Ellin nach einem Stoß in den Rücken den Korb fallen lassen, konnte jedoch im letzten Moment noch nachfassen. Atemlos erreichten die Novizinnen den Schutz spendenden Torbogen des Wirtschaftsgebäudes.
»Hast du so etwas schon einmal gesehen?« Vorsichtig streckte Ellin den Kopf vor und spähte hinaus