: Hugo Lobeck
: Drogen, Sex und Drachentöter
: Ellert& Richter Verlag
: 9783831910052
: 1
: CHF 6.70
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: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 192
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der Privatdetektiv und Ex-Journalist Freddie Nietsch ist von seinem langersehnten ersten Auftrag alles andere als begeistert. Er soll Kindermädchen für einen Schüler spielen, der sich in eine junge Frau verliebt hat, die den übervorsichtigen Eltern des Jungen dubios erscheint. Aber bevor Freddie richtig loslegen kann, gibt es eine erste Leiche, und der Detektiv steckt knie¬tief in einer hanebüchen mörderischen Geschichte um Sex, Drogen und Gewalt im Sumpf von St. Georg, dem Hamburger Bahnhofsviertel. Hier existieren Drogen¬szene, Prostitution, Russenmafia, aber auch viel multi¬kulturelles Leben und bürgerliche Idylle neben- und miteinander. Der noch unerfahrene Privatschnüffler landet gleich in einem Kaleidoskops menschlicher Schwächen wie Gier, Geilheit, Sucht, Rache und Verblendung. Viele skurrile Gestalten versuchen, nicht unterzugehen in einer Welt, die manchmal unfassbar fremd erscheint, obwohl sie doch gleich neben der Haustür zu finden ist. Nebenbei erfährt der Leser dieses spannenden Krimis einiges über die Besonderheiten des Viertels jenseits des Hauptbahnhofs, das schon immer Heimat der Ausgegrenzten und Gesetzesbrecher war.

Hugo Lobeck geboren und aufgewachsen in Duisburg-Hamborn. Seit 1971 in Hamburg. Nach dem Studium der Philosophie und Germanistik und dem Besuch einer freien Kunstschule arbeitete er als Autor und Illustrator, als freier Künstler, Grafiker und Journalist für verschiedene Hamburger Verlage. Ausgedehnte Reisen als 'Hippie' führten ihn in den 1970er Jahren durch Asien und Afrika, später auch in die USA und in die Karibik. Dies ist sein erster Krimi.

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Ich war kurz davor, meinen Laden wieder dicht zu machen. Seit mehr als drei Monaten wartete ich auf den ersten Auftrag, aber anscheinend hatte ich die Marktlage für Privatschnüffler völlig falsch eingeschätzt. In den Hamburger Gelben Seiten rangieren die Detekteien gleich hinter den Dessous und füllen mehr als vier Seiten. Bei so viel Angebot in so attraktivem Umfeld gibt es auch Nachfrage, hatte ich gedacht und der langen Reihe von Inseraten ein weiteres hinzugefügt.„Freddie Nietsch. Die Quaestoria, Nachforschungen aller Art!“

Seither wartete ich guten Mutes auf meinen ersten Kunden. Dabei war es durchaus nicht so, dass ich den ganzen Tag in meinem kleinen Büro an der Reitbahn in Ottensen herumsaß und mich langweilte. Ich konnte meine Zeit ganz gut mit Lesen, im Internet Surfen, gepflegtem Nichtstun, leichter Unterhaltung und einem Cappuccino oder einem Glas vom guten Roten totschlagen. Ein Handy klingelt jaüberall, es ließ sich also ganz entspannt in den Cafés und Kneipen um die Ecke sitzen, hier ein Schwätzchen, dort ein Scherzchen, und Kontaktpflege oder auf Neudeutsch„Networking“ betreiben. Unter Langeweile litt ich nicht, aber von irgendwoher musste ja mal etwas Kohle in die Kasse fließen. Meine Brieftasche wurde immer dünner, länger als noch zwei Monate ohne Einkommen würde ich nicht durchhalten. Anscheinend fischten meine bekannteren Mitbewerber alle heißen Aufträge ab.

Vielleicht hatten die Zeiten sich seit meinen großen Vorbildern Nestor Burma und Phil Marlowe auch grundlegend geändert, aber gemordet, gestohlen, betrogen und hintergangen wurde doch noch immer, heute wahrscheinlich mehr als damals. In der Tat mag es etwas blauäugig gewesen sein, so aus der hohlen Hand einen Laden zu mieten und eine Detektei zu eröffnen. Erfahrung hatte ich keine, aber ich wusste genau, das wäre der einzig richtige Beruf für mich, sozusagen meine Berufung– immerhin war ich mittlerweile schon Mitte dreißig. Ich glaubte zu wissen, wie der Hase lief.„Freddie, das detektivische Naturtalent, schafft den Durchbruch!“, das schien mir logisch. Schließlich hatte ich so ziemlich jeden guten Kriminalroman gelesen und spätestens auf Seite 13 gewusst, wer der Täter war. Konnte es eine bessere Vorbereitung für einen Detektiv geben? So wartete ich denn auf den ersten Anruf einer betrogenen Ehefrau, eines misstrauischen Geschäftspartners oder einer um ihr Erbe gebrachten Witwe, um endlich zeigen zu können, was in mir steckte.

Es war der 22. April, einer der ersten schönen Frühlingstage in diesem Jahr. Ich hockte mal wieder draußen bei Dschingis im Bistro in der Ottenser Hauptstraße, Ecke Große Brunnenstraße, auf dem Klappstuhl, trank Cappuccino und ließ mich von den noch milden Strahlen der eben erst aufgetauchten Sonne wärmen. Junge Frauen flanierten vorbei, süß und sexy in kurzen, wippenden Röcken, oft mit halbhohen Stiefeln. So gefiel mir der Frühling: Alle waren guter Laune, der Muff des langen Winters löste sich allmählich in Wohlgefallen auf, und die Mädels versteckten sich nicht mehr in dicken Jacken, schlabberigen Pullovern und langen Mänteln.

So in meditativer Betrachtung versunken, erschrak ich heftig, als es plötzlich in meiner Hose randalierte. Wegen des ständigen Klingelton-Gedudels hatte ich mein Mobiltelefon auf Vibrationsalarm gestellt und vergessen, dass ich es in der Hosentasche trug. Ich schaute aufs Display. Diese Nummer kannte ich nicht! Ein Adrenalinschub schoss mir durch die Adern und sorgte für einen kleinen Kick. Sollte es wirklich …

„Quaestoria, Nietsch“, meldete ich mich professionell und möglichst cool. Der Anrufer zögerte einen Moment, ich konnte hören, wie er tief durchatmete. Dann sagte eine unsicher klingende Männerstimme:„Betzberg, Ewald Betzberg. Ich weiß nicht, wie ich beginnen soll, ich habe noch nie einen Detektiv angerufen… Sie sind doch der Detektiv?“

Alles in mir schrie„Hurra!“. Ich ballte im Geiste die Becker-Faust. Ja! Jetzt nur nichts Falsches sagen und ruhig bleiben. Ich holte meinen vertrauenerweckenden, sonoren Tonfall aus den Tiefen unterhalb meines Zwerchfells:„Ganz richtig, wie kann ich Ihnen helfen?“

„Es geht um meinen Sohn“, sagte der Anrufer und räusperte sich.„Oder besser gesagt um seine Freundin oderäh, Ex-Freundin, die Sache ist etwas heikel! Wir haben da ein Problem, bei dem Sie uns vielleicht helfen können.“

Inzwischen hatte der Mann sich gefangen und klang sicherer.„Das Beste wird sein, Sie kommen vorbei, damit ich Ihnen die Sache persönlich erklären kann. Wenn es geht, noch heute. Ich würde auch gerne wissen, mit wem ich es zu tun habe, bevor ich Ihnen erzähle, worum es geht. Wie gesagt, die Angelegenheit ist etwas heikel!“

„Wo finde ich Sie?“, fragte ich kurz und knapp.

„Ich wohne in St. Georg, Lange Reihe 75“, sagte Betzberg,„der kleine Durchgang zur Koppel 66.“

„Alles klar“, antwortete ich.„Ich weiß, wo das ist. Lassen Sie mich kurz meine Termine checken… In einer knappen Stunde kann ich bei Ihnen sein, würde das passen?“

„Ich erwarte Sie dann.“

„Also bis nachher.“ Schnell unterbrach ich die Verbindung, als könnte ich so verhindern, dass der Anrufer es sich andersüberlegte. Hektisch stürzte ich den Rest meines Cappuccinos runter und machte mich auf den Weg zum Bahnhof Altona, um die S-Bahn zum Hauptbahnhof zu nehmen.

Die kurze Strecke wurde zu einer Achterbahnfahrt der Gefühle. Ich konnte es immer noch nicht fassen, dass endlich jemand angerufen hatte! An der Holstenstraße war ich noch zuversichtlich und wild entschlossen, den Mann nicht mehr von der Angel zu lassen. An der Sternschanzeübermannten mich Zweifel, ich dachte, da erlaubt sich jemand einen gemeinen Scherz. Am Dammtor war ich mir sicher, dass ich unter der angegebenen Adresse niemanden antreffen würde. Ich schaute mich in der S-Bahn