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Sie kam drei Minuten zu spät. Es wäre noch später geworden, wäre sie die letzten fünfzehn Minuten nicht gefahren, als nähme sie an den Cyclassics teil, dem jährlichen Radrennen von Hamburg. Der Schweiß triefte von ihren Schläfen, sie wischte ihn mit einem Papiertaschentuch ab, atmete ein letztes Mal tief durch und klopfte an.
Von drinnen hörte sie Schritte. Die Türöffnete sich, und Veronika sah einen Mann, der sieüberraschte. Unter einem Personalchef der Polizei hatte sie sich einenälteren Beamten vorgestellt, einen Büroarbeiter mit blassem, faltigem Gesicht, Bauchansatz und grauen Schläfen. Stattdessen stand ein Freizeitsportler vor ihr, braun gebrannt und kaumälter als sie, den muskulösen Oberkörper in ein enges, orangefarbenes T-Shirt gezwängt.
Seine dunklen Haare waren bis auf einen Millimeter abrasiert. Er lachte.
„Sind Sie von Altona hierhergerannt, Frau Dorn?“
Sie erklärte ihm, wie sie gekommen war und dass sie die Strecke unterschätzt hatte.
„Dann wollen Sie sich doch sicher erst einmal etwas frisch machen“, sagte der Athlet und zeigte ihr den Weg zu den Toiletten.
Verwundert folgte Veronika seinem Fingerzeig. Erst als sie ihr Spiegelbild sah, verstand sie, worüber er sich amüsiert hatte. Sie sah aus, als hätte ein Kleinkind versucht, sie für Halloween zu schminken. Die Wimperntusche war verlaufen und der Lippenstift verschmiert. Vor Peinlichkeit wurde ihr noch im Nachhinein heiß und kalt.
Schnell wusch sie die Schmiererei ab und verzichtete darauf, sich neu zu schminken. Als sie das Büro wieder betrat, lächelte der Sportsmann immer noch, und der Mann, der neben ihm an einem Konferenztisch saß, schien das auch alles ganz lustig zu finden. Zumindest hatte er die Winkel seines kleinen Mundes ein wenig nach oben gezogen. Der Mund war das Einzige, was klein an ihm war. Seine kurzen, schmalen Lippen schienen vom Rest des Gesichts geradezu eingedrückt zu werden. Dieses Gesicht war massig, voller Wülste und Fettpolster. Die Augen lagen wie kleine, glänzende Eier in dicke Tränensäcke gebettet. Die Wangen fielen schwer herab, sackten an den Mundwinkeln vorbei und gingen in ein gewaltiges Doppelkinnüber. Wie ein Berg saß dieser Mann auf seinem Stuhl und ließ seinen Blick auf Veronika ruhen. Sein Lächeln war wieder verschwunden.
„Kommissar Arning“, stellte ihn der Personalchef vor.„Ihr zukünftiger Abteilungsleiter“, fügte er hinzu, als hätte er Veronika bereits eingestellt.
Sie startete den ersten Gegenangriff.„Ich glaube wirklich nicht, dass ich für diese Stelle geeignet bin.“ Doch sie spürte gleich, dass die Strategie, die bei Doberenz gewirkt hatte, hier nicht funktionierte. Der Personalchef war viel zu attraktiv. So einem Mann wollte sie normalerweise gefallen. Es widerstrebte ihren natürlichen Instinkten, sich ihm gegenüber aufzuspielen wie eine Gouvernante. Und nun kam ihr der schöne Mensch im Apfelsinenlook auch noch mit einem Beweis von Freundlichkeit entgegen:„Wir haben vom Arbeitsamt bereits erfahren, dass Sie an Ihrer Eignung zweifeln“, sagte er und fügte hinzu:„Das nimmt uns eigentlich gerade für Sie ein. Wer an sich zweifelt, ist ja meistens auch bereit zu lernen. Wir haben hier eher Schwierigkeiten mit Kollegen, die immer glauben, sie wüssten schon alles.“
Er blickte zu Arning. Der versagte ihm ein zustimmendes Nicken und fuhr fort, Veronika mit seinen Eieraugen zu mustern.
Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, von dem Polizeieinsatz im Schanzenviertel zu erzählen, dem einzigen, an dem sie je beteiligt gewesen war.
Es war 1991 gewesen, einen Tag, nachdem die USA den Golfkrieg begonnen hatten. Studenten hatten spontan eine Protestaktion gegen die Bombardierung von Bagdad organisiert. Das Ganze kam völlig unerwartet, und da fast alle Hamburger Polizeikräfte auswärts im Einsatz waren, holte man die letzten Semester der Polizeischule zur Verstärkung in die Schanzenstraße. Auch die Frauen.
Zum ersten Mal stand Veronika außerhalb einerÜbung in Reih und Glied, das Gesicht hinter dem Plexiglas ihres Helms verborgen, den Schlagstock griffbereit am Koppel. Aber vor ihr liefen keine Randalierer, vor denen man die Bevölkerung schützen musste. Die Demonstranten, die an ihr vorbeiliefen, vertraten mit ihren Transparenten genau das, was sie selbst dachte. Am liebsten hätte sie Helm und Schlagstock weggeworfen, um wie sie ihre Haltung gegen sinnlose Gewalt zu zeigen. Verborgen hinter ihrem Schild und für niemanden hörbar flüsterte sie: Bitte behaltet die Nerven, bitte lasst mich nicht zuschlagen müssen. Ihre Bitten wurden erhört, zumindest war es friedlich geblieben. Und sie hatte sich an diesem Tag etwas eingestanden, das sie in Wirklichkeit schon lange mit sich herumgetragen hatte. Sie wollte gar keine Polizistin sein.
Der Personalchef und der dicke Herr Arning sahen sie abwartend an.
Ich kann jetzt unmöglich die ganze Geschichte erzählen, dachte Veronika und versuchte, die Sache auf den Punkt zu bringen:„Ich habe dem Arbeitsamt schon gesagt, dass ich keine gute Polizistin bin. Als Psychologin bin ich viel besser.“
An den Mienen der beiden sah sie, dass diese Erklärung nicht reichte. Sie war ja auch dürftig. Veronika setzte von Neuem an.„Meine Fähigkeiten liegen mehr darin zu verstehen, wie Aggressionen in einem Menschen entstehen können. Ich kann jemandem helfen, seine Wut zu bewältigen. Ich kann mit ihm die Gründe f&uum