Es ist ein pieselig-nasser Morgen, im Vorraum der Schultoilette mieft es nach Eintopf, und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, schreiben wir gleich auch noch Englisch.
„Pfui Spinne, ein Pickel!“ Jette steht dicht vorm Spiegel und tastet Millimeter für Millimeter ihr Gesicht ab. „Mia, guck mal!“
„Quatsch, wo denn?“
Sofern meine Augen nicht auf einen Schlag um 65,5 Jahre gealtert sind, ist meine beste Freundin schön wie eh und je. Blond, mit blank geputzter Brille und süßem Mausezähnchen-Lächeln, in das sich sämtliche Ballettlehrerinnen, Mamis und Eisverkäufer – besonders die italienischen mit den Glutaugen – zuverlässig verknallen.
„Na, hier.“ Jette schnellt zurück und deutet auf einen klitzekleinen roten Punkt in ihrem Mundwinkel.Eigentlich brauchte man eine Lupe, um überhaupt irgendetwas zu erkennen.
„Das ist doch nur ein klitzekleiner roter Punkt“, meint Leonie, als habe sie meine Gedanken gelesen, und wischt den feuchten Fleck vom Spiegel, den Jettes Atem dort zurückgelassen hat.
„Bist du blind? Da ist ein dicker, fetter Pickel, der mich total entstellt!“, jault Jette auf.
„Weißt du eigentlich gar nicht, dass Eitelkeit mit richtig fiesen Beulen bestraft wird?“, zieht Leonie sie auf und zwickt sie in die Taille.
„Dann pass du mal auf, dass dir keine Teufelshörner wachsen“, gibt Jette eingeschnappt zurück.
Hoffentlich kriegen sich die beiden jetzt nicht wieder in die Haare. So gern sie sich im Grunde ihres Herzens haben, nutzen sie doch jede Möglichkeit, um sich zu kabbeln. Keine Ahnung, warum das so ist. Ich mag es nicht, wenn sie sich streiten, und schon gar nicht wenige Minuten vor einer Englischarbeit.
„Stell dich nicht so an“, sagt Leonie ernst. „Dein kleiner Mini-Pickel ist nun wirklich nicht der Rede wert.“
„Sagt ausgerechnet eine, die immer noch mit einem Babyface herumläuft! Du hast ja keinen Schimmer, wie das ist, wenn man völlig entstellt …“ Jette hält mitten im Satz inne. Gerade ist meine Banknachbarin Streber-Christi hereingeplatzt.
„Wenn man was?“, hakt Leonie nach, während sie ihre Knutschlippen mit Fettstift einschmiert.
„Wie es ist, ein armes Waisenkind zu sein, das die ersten vier Jahre in einem Kinderheim auf einer sibirischen Halbinsel zugebracht hat, wo es immer nur rohen Fisch und Lebertran zu essen gab“, sagt Jette jetzt so laut, dass es alle, aber auch wirklich alle hören können. „Stellt euch bloß vor. Nie Bananenchips! Nie Mango! Nicht mal Schokoriegel mit Cranberrys gab es da!“
Streber-Christis Augenbrauen rutschen in die Höhe. „Bananenchips, Mango, Cranberrys … Sag mal, spinnst du? Wer von uns futtert denn so was? Und seit wann bist du überhaupt ein Waisenkind?“ Sie klickt ihr Handtäschchen auf und kramt eine Drahtbürste hervor. Seit neuestem kämmt sie sich alle naselang ihre schulterlangen braunen Haare. In den großen Pausen im Waschraum, in den kleinen an ihrem Platz im Klassen