»Bist du fertig, Silvia?« Petra, die jüngere Tochter des Schäfer-Josef, steckte den Kopf durch die offene Tür der Backstube, in der ihre Freundin gerade ein leeres Blech in das oberste Fach eines fahrbaren Regals schob.
»Höchstens zehn Minuten, Petra«, antwortete Silvia Neuberger.»Ich muss mich noch umziehen und mir ein bisserl die Haare richten.« Sie verschwand im Nebenraum.
Mit einem Seufzen kehrte Petra zu ihrem Wagen zurück, in dem bereits ihre andere Freundin saß.
»Es dauert noch ein bisserl«, sagte sie zu Andrea Meinhardt und verdrehte die Augen.»Wir hätten ja damit rechnen müssen, dass es die Silvia net schafft, pünktlich zu sein.«
»Das kannst du ihr gewiss net anrechnen, Petra«, verteidigte Andrea die Freundin. Scherzend fügte sie hinzu:»Warum musst du deinen Geburtstag auch ausgerechnet an einem Tag feiern, an dem die Silvia in der Bäckerei arbeitet?«
»Weil sich der Freitagabend nun mal zum Feiern anbietet«, konterte Petra gut gelaunt.»Am Wochenende hätte ich keine Zeit gehabt. Ich hab meinem Vater versprochen, ihm mit der Gudrun beim Streichen unserer alten Scheune zu helfen, und am Sonntag besuchen wir meine Großtante in Nürnberg.«
Silvia beeilte sich.»Da bin ich schon«, verkündete sie undöffnete die Fondtür des Wagens.»Zwei Minuten vor Ladenschluss ist der alten Frau Säger noch eingefallen, dass ihr Sohn heute Abend zum Essen kommt und sie vergessen hat, sein geliebtes Kürbiskernbrot zu kaufen. Und wär das net genug, hat sie der Frau Gutbrodt und mir noch den neuesten Klatsch erzählen müssen und dabei kein Ende gefunden.«
»Und was hat sie so erzählt?«, fragte Petra und ließ den Wagen an.»Ich denke, wenn du uns schon wegen der Sägerin warten lässt, haben wir auch ein Anrecht darauf, den neuesten Klatsch zu erfahren.«
»Es ist nix Besonders. Ihr wisst ja, die Frau Säger macht aus jeder Mücke einen Elefanten.« Silvia zog einen Spiegel aus ihrer Handtasche und warf einen Blick hinein.»Es ging um den Nadler-Thorsten und dass er von der Tochter des Bürgermeisters angeblich einen Korb bekommen hat, nachdem sie wochenlang mit ihm ausgegangen ist. Um ihn vorläufig net mehr sehen zu müssen, wäre sie sogar zu ihrer Tante nach Füssen gezogen.«
»Was mich net wundert. Der Thorsten ist mehr oder weniger ein Habenichts. Sein Onkel hat ihn ja nur aufgenommen, weil ihm nach dem Tod seiner Eltern und der Zwangsversteigerung des Anwesens so gut wie nix geblieben ist«, sagte Petra und bog in die Straße nach Füssen ein.»Außerdem ist die Lisa ja tatsächlich vor einer Woche nach Füssen gezogen.«
»Armut wäre für mich kein Grund, einen Burschen abzulehnen«, meinte Andrea.
»Genauso denk ich auch«, sagte Silvia.»Auch wenn ich den Thorsten kaum kenne, er scheint mir ein anständiger Bursche zu sein, was man von seinem jüngeren Vetter Paul net behaupten kann. Der bandelt mit jedem Madel an, geht ein paar Mal mit ihm aus und wendet sich dann einer anderen zu.«
»Das haben nun mal viele Burschen so an sich.« Petra hob die Schultern.»Jedenfalls wird er mal den Hof erben. Sein Bruder wird ja noch dieses Jahr die Pfisterer-Monika heiraten und hat damit ausgesorgt. Da der alte Pfisterer froh sein wird, die Monikaüberhaupt an den Mann zu bringen, wird er dem Toni einen roten Teppich ausrollen.«
»Du solltest dich mal hören, Petra«, erwiderte Silvia missbilligend.»Was kann die Monika für die Narbe in ihrem Gesicht? Der Toni wird sie aufrichtig lieben und net nur wegen ihres Besitzes heiraten wollen.«
»Träum weiter, Silvia!«, bemerkte Petra.»Du liest zu viele Liebesromane. Das Leben ist nun mal net so, wie du es dir erträumst. Meine Eltern haben auch net aus Liebe geheiratet, sondern um zwei kleine Höfe zusammenzulegen. Ihre Ehe hat dennoch Bestand.«
»So muss es net sein, Petra«, mischte sich Andrea ein.»Ich denke jedenfalls net daran, mir meinen zukünftigen Mann nach dessen Bankkonto auszusuchen.«
Petra verdrehte die Augen.»Ihr beide seid zwei hoffnungslose Romantikerinnen«, meinte sie.»Zum Glück steh ich mit beiden Beinen fest im Leben.«
Das Lokal, in dem Petra ihren Geburtstag feiern wollte, lag am Ufer des Forggensees und war besonders bei Jugendlichen beliebt, weil man hier nicht nur essen, sondern auch tanzen konnte. Alle vierzehn Tage bot der Wirt seinen Gästen am Freitagabend Livemusik. An diesem Abend sollte eine Band aus München spielen.
Sie wählten einen Tisch an einem der großen Panoramafenster, die einen guten Blicküber den See zu den umliegenden Ortschaften und auf die Berge boten. Am Tisch ihnen gegenüber saßen ein paar Geschäftsleute. Ab und zu wehte ein Fetzen ihres Gesprächs zu den Madeln herüber.
So weit Silvia mitbekam, ging es um irgendwelche Versicherungsabschlüsse. Das große Wort führte ein junger, hellblonder Mann mit stahlblauen Augen. Ihr gefiel, wie es ihm gelang, die Aufmerksamkeit der anderen zu fesseln. Als sich flüchtig ihre Blicke trafen, zwinkerte er ihr zu. Verlegen wandte sie den Kopf.
»Na, na«, bemerkte Petra und verzog spöttisch die Lippen.
»Was du immer hast!« Silvia vermied es, erneut zu dem anderen Tisch zu sehen.
»Es gibt net nur meinen Geburtstag zu feiern«, sagte Petra während