: Michael Jürgs
: Sklavenmarkt Europa Das Milliardengeschäft mir der Ware Mensch
: C.Bertelsmann Verlag
: 9783641124366
: 1
: CHF 4.50
:
: Gesellschaft
: German
: 352
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Verkauft, versklavt, zur Prostitution gezwungen.

Menschenhandel ist die moderne Form der Sklaverei und eine so grausame Geschichte wie einst die des Sklavenhandels. Frauen, Männer, Kinder werden von kriminellen Vereinigungen versklavt in Prostitution und Zwangsarbeit, verkauft als Haussklaven und an Bettlerbanden, ausgebeutet mit Dumpinglöhnen und ausgeschlachtet im internationalen Organhandel. In Europa beträgt der geschätzte jährliche Umsatz des organisierten Verbrechens mit der Ware Mensch 15 Milliarden Euro.
Michael Jürgs reiste auf die Dunkelfelder des Verbrechens, war bei Razzien und Strategiesitzungen dabei und befragte bei Europol, Bundespolizei, UNO, Frontex und nichtstaatlichen Hilfsorganisationen die Frauen und Männer, die den Kampf gegen die Gesetzlosen im Namen des Gesetzes bestreiten.

Michael Jürgs war u.a. Chefredakteur von Stern und Tempo und hat sich als Biograph einen Namen gemacht. Seine LebensbeschreibungenDer Fall Romy Schneider,Der Fall Axel Springer,Gern hab' ich die Frau'n’ geküsst(über Richard Tauber),Bürger GrassundEine berührbare Frau(über Eva Hesse) wurden ebenso Bestseller wieDie Treuhänder,Der kleine Frieden im Großen Krieg(2003) undDer Tag danach. Zusammen mit der Journalistin und TV-Moderatorin Angela Elis legte er das PamphletTypisch Ossi, typisch Wessivor. Viel Anerkennung bekam er für seine Bilanz der deutschen EinheitWie geht's, Deutschland?(2008) und für seine Geschichte des BundeskriminalamtsBKA. Die Jäger des Bösen(2011) undCodename Hélène: Churchills Geheimagentin Nancy Wake und ihr Kampf gegen die Gestapo in Frankreich(2012); seine StreitschriftSeichtgebiete /i> (2009) verkaufte sich über 100.000mal. Er ist Co-Autor vieler Fernsehdokumentationen, die nach seinen Büchern gedreht wurden.

KAPITEL 1

Rohstoff Mensch: Leidtragende

Als Gott in berechtigtem Zorn Adam und Eva aus dem Paradies verbannte, weil sie trotz seines Verbots Früchte vom Baum der Erkenntnis gepflückt hatten, gabER ihnen bekanntlich eine gewichtige Erblast mit auf den Weg. Der Sündenfall, die Stunde null in der Menschheitsgeschichte, belastete fortan ihre Nachkommen. Seitdem lauert das Böse als beispielsweise Unterdrückung, Vergewaltigung, Ausrottung im beispielhaft Guten wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Die Menschen unterjochen oder ermorden einander, wann und wo auch immer auf der Welt.

Edward O. Wilson, der Begründer der Soziobiologie, der ein ganzes Forscherleben lang die biologischen Grundlagen sozialen Verhaltens untersuchte, erachtet als Wissenschaftler naturgemäß weder Gottes Gnade noch Teufels Werk, weder Gottes Zorn noch Satans Verführung als wesentlich für Gut und Böse.»Ist der Mensch von Natur aus gut, wird aber von der Macht des Bösen verdorben? Oder ist er vielmehr von Natur aus verschlagen und nur durch die Macht des Guten zu retten?« Beides treffe zu, meint er, was zu dem Schluss führe, dass es dabei auch bleiben wird, jetzt und immerdar, falls es nicht gelinge, die Gene zu verändern.«Denn das menschliche Dilemma wurde in unserer Evolution festgelegt und ist mithin ein unveränderlicher Teil der menschlichen Natur.«

Versklavung von Besiegten war selbstverständlich für die Siegreichen ungeschriebenes Recht der Herrschenden, bis dereinst in der amerikanischen Verfassung Menschenrechte festgeschrieben wurden.Ägypter hielten sich Sklaven. Perser hielten sich Sklaven. Griechen hielten sich Sklaven. Wikinger hielten sich Sklaven. Auf denÄckern. In den Häusern. In den Betten. In den Schlachten. Sklavenhaltung war im Römischen Reich sogar eine tragende Säule des Systems, ohne die das Imperium lange vor seinem tatsächlichen Untergang untergegangen wäre. Ein Drittel der Bevölkerung, erbeutet in siegreichen Feldzügen, diente als Sklaven den anderen zwei Dritteln.

Die ausgebeutete Minderheit wagte zwar gelegentlich einen Aufstand gegen die Mehrheit, etwa den historischen unter der Führung von Spartacus, verfilmt von Hollywood rund zweitausend Jahre später. Aber die Aufrührer bezahlten ihren Freiheitsdrang mit dem Leben und wurden entlang der römischen Heerstraßen zur Abschreckung ans Kreuz genagelt.

Vae victis, wehe den Besiegten: Seit den Kriegen der Antike war ihnen bewusst, was bei einer Niederlage drohte– die Sklaverei. Sie hätten umgekehrt im Fall eines Sieges ihre Feinde nicht anders behandelt. In Friedenszeiten erfüllten Begehrlichkeiten und Bedürfnisse der Sklavenhalter für Haus, Hof oder Harem die Sklavenhändler. Ihr Geschäft blühte. Kein anderes Gewerbe garantierte so große Gewinne bei so geringem Risiko wie das mit der Ware Mensch.Über die damaligen Umsätze und Gewinnspannen existieren logischerweise keine Aufzeichnungen. Daran hat sich nichts geändert.

Denn auch in der Neuzeit gibt es nur Vermutungenüber Renditen im Dunkelfeld Menschenhandel. Aber die Bewertungen auf der Grundlage von kriminalpolizeilichen Statistiken aus Staaten oder Regionen, die hauptsächlich den Markt beliefern, und Preisen, die dort erzielt werden, wo die Nachfrage am größten ist, sind wohl nahe an der Realität. Im»Global Report2012« des in Wien unter dem Dach derUNO ansässigenUnited Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) wird von einem»exorbitanten« Geschäftsmodell gesprochen. Die Polizeibehörden der an derUNODC-Studie beteiligten137 Länder schätzen, dass auf dem Wachstumsmarkt»Mensch« weltweit pro Jahr ungefähr30 Milliarden Dollar verdient werden. Darin enthalten sind Gewinne aus freiwilliger wie aus erzwungener Prostitution, Erlöse aus freiwilligen wie aus erzwungenen Arbeitsleistungen, aus Kinder- wie aus Organhandel, aus dem Handel mit Haussklaven und Scheinehen wie aus dem Geschäftszweig Menschenschmuggel der Schleuserbanden.

Die Schätzungen für die Gesamterträge aller kriminellen Organisationen in der Freihandelszone Europa liegen bei rund fünfzehn Milliarden Dollar jährlich, und damit nur noch knapp hinter den Gewinnen aus dem Drogenhandel. Die Ursachen für diesen Boom sind leicht auszumachen und auch einfach erklärbar: An Rauschgift oder gefälschten Arzneimitteln verdienen zwar in der Kette vom Produzenten zum Endabnehmer verschiedene kriminelle Zwischenhändler, aber irgendwann ist die Ware konsumiert, also verbraucht. Die Ware Mensch dagegen garantiert Mehrwert. Frauen zum Beispiel lassen sich immer wieder von einem Land ins nächste verschieben, von einem Bordell ins nächste. Menschenhandel ist deshalb für das internationale Verbrecherkartell der Geschäftszweig mit dem größten Potenzial, bei garantiert zweistelligen Renditen.

Investitionskosten beim Erwerb der Frauen, Mädchen, Männer, Kinder in deren Heimatländern sind»Peanuts«, um einen legendären Begriff aus der legalen Wirtschaft zu bemühen, die Risiken wegen stetiger Nachfrage in Europa gering. Nachdem ab2009 Länder wie Spanien, Griechenland, Portugal aufgrund der selbst verschuldeten Rezession als Abnehmer für billige Arbeitskräfte in der Landwirtschaft oder auf dem Bau ausfielen, erschlossen sich die Händler der organisierten Kriminalität (OK) neue Märkte in der Türkei, in der Schweiz, in Skandinavien.

In diesem Dunkelfeld sind die Grenzen zwischen Schmuggel und Handel, Flucht und Schleusung fließend, aber es geht dabei gar nicht immer um