Frank Trende
ZEHN TAGE IM NOVEMBER 1918
Ein Kieler Revolutionstagebuch
Der 9. November 1918 bedeutet das Ende der Monarchie in Deutschland. Kaiser Wilhelm II. dankte ab, Philipp Scheidemann rief in Berlin die Deutsche Republik aus. Die revolutionäre Welle, die das Deutsche Reich erfasste, hatte ihren Ausgangspunkt in Kiel. Was war geschehen?
Freitag, 1. November 1918
In der Nacht zum 1. November passiert das III. Geschwader der kaiserlichen Hochseeflotte die Holtenauer Schleusen des Kaiser-Wilhelm-Kanals. Der Flottenverband mit den Schiffen„König“,„Bayern“,„Großer Kurfürst“,„Kronprinz“ und„Markgraf“ und mitüber 5 000 Mann Besatzung kommt aus Wilhelmshaven und soll in der Kieler Förde vor Anker gehen. In Wilhelmshaven sollte er nicht mehr bleiben, denn auf den Schiffen, die dort auf Schillig-Reede vor Anker lagen, verbreitete sich Ende Oktober ein brisantes Gerücht. Die Flottenführung, allen voran der Chef der Admiralität Reinhard Scheer, plane eigenmächtig, die Seeverbände in einem sinnlosen Abenteuer zu opfern. Und tatsächlich: Während die Reichsregierung unter dem kaiserlichen Reichskanzler Prinz Max von Baden– er ist seit dem 3. Oktober 1918 im Amt, hat eine parlamentarische Regierung gebildet; zu Ministern, sie werden„Staatssekretäre“ genannt, beruft er unter anderem den SPD-Spitzenpolitiker Philipp Scheidemann - einen Waffenstillstand mit der Entente verhandelt, sucht die Oberste Seekriegsleitung eine letzte große Schlacht gegen England. Dieser Plan geht auf Konteradmiral Adolf von Trotha zurück, Chef des Stabes bei der Hochseeflotte. Von Trotha meint:„Aus einem ehrenvollen Kampf der Flotte, auch wenn er ein Todeskampf wird in diesem Kriege, wird– wenn unser Volk nichtüberhaupt national versagt– eine neue deutsche Zukunftsflotte hervorwachsen; einer durch schmachvollen Frieden gefesselten Flotte ist die Zukunft gebrochen.“ Das bringt in vielen Offizieren innerhalb der Seekriegsleitung eine Saite zum Klingen: Sie stimmen zu– um der Ehre willen. Tatsächlich aber ist die Lage aussichtslos, ist der Erste Weltkrieg für das Deutsche Reich nicht mehr zu gewinnen.
Abb. 3 Läuft in der Nacht zum 1. November 1918 mit weiteren Schiffen des III. Geschwaders in Kiel ein: SMS Großer Kurfürst.
Trotz größter Geheimhaltungsvorschriften bekommen die Matrosen Wind von diesem Himmelfahrtskommando. In der Nacht vom 29. Auf den 30. Oktober kommt es zu ersten Meutereien, jetzt muss der Plan zur letzten Seekriegsoffensive aufgegeben werden. Die Matrosen folgen den Befehlen nicht mehr. Schon im August 1917 hatte es Meutereien auf Schiffen der Hochseeflotte vor Wilhelmshaven gegeben, die Heizer Max Reichpietsch und Alwin Köbis galten als Aufrührer, sie wurden zum Tode verurteilt, Admiral Reinhard Scheer bestätigte die Richtsprüche und beide wurden erschossen. Jetzt ist die Unruhe auf der„Thüringen“ und der„Helgoland“ am größten, mehrere hundert Matrosen werden festgenommen. Bislang gibt es Meutereien nur auf Schiffen des I. und III. Geschwaders. Die Flottenleitung entschließt sich, die Verbände zu trennen. Der Chef des III. Geschwaders, Vizeadmiral Hugo Kraft, schlägt vor, mit seinen Schiffen nach Kiel zu dampfen: Die Matrosen seien schon zu lange nicht mehr in ihrem Heimathafen gewesen und die„König“ müsse sowieso auf die Werft. Der Flottenchef stimmt zu, und der Verband setzt sich in Bewegung. Zuerst gibt es nochÜbungen in der Helgoländer Bucht, dabei klappt alles tadellos. Nun nimmt das III. Geschwader Kurs auf Kiel und fährt am 31. Oktober in die Elbmündung. Von Brunsbüttelkoog geht es durch den Kaiser-Wilhelm-Kanal. Auf diesem Abschnitt der Reise lässt Kraft 47 Matrosen von der„Markgraf“ als vermeintliche Wortführer der Wilhelmshavener Meuterei festnehmen. Von Holtenau aus werden sie auf zwei Arrestanstalten aufgeteilt, ein Teil der Inhaftierten kommt ins Fort Herwarth bei Schilksee, ein weiterer Teil in das Arrestgebäude in der Kieler Feldstraße.
Abb. 4 August 1918: Auf der Kieler Förde liegen die Stahlkolosse der Kaiserlichen Marine …
Kiels Geburtsstunde als Großstadt hatte 1865 geschlagen, als die Preußen ihre Marinestation von Danzig hierher verlegten. Mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 wurde die Stadt Reichskriegshafen und wandelte sich auch optisch zur Militärmetropole: mit Marinegebäuden, einer Marineakademie, Forts auf beiden Seiten der Förde, Schießständen und Exerzierplätzen, einem Arsenal und einem Torpedohafen. Als 1881 der französische Schriftsteller Jules Verne und sein Bruder Paul mit eigener Dampfyacht in die Kieler Förde kam, fiel ihnen das Militärische besonders ins Auge. Paul Verne schrieb in seinem Reisebericht:„Wir brauchen wohl nicht besonders zu bemerken, dass der Kieler Busen sorgsam und zweckmäßig befestigt ist. Die sehr enge Einfahrt zu demselben wird von furchtbaren Batterien beherrscht, welche jeneübers Kreuz bestreichen. Die berühmte Kanone– von Preußen 1867 zur Internationalen Pariser Ausstellung geschickt– welche ein Geschoss von zehn Zentnern schleudert, ist auf einer Bastion an der engsten Stelle des Hafeneingangs aufgestellt.“ Paul Verne weiter:„Ein feindliches Schiff, das diesen Weg zu forcieren versuchte, würde zweifelsohne binnen weniger Minuten zerschmettert sein. Die Stadt Kiel selbst ist offen, doch geht man mit dem Gedanken um, sie mit detachierten Forts zu umgürten. Soviel ich weiß, sind die vorgängigen Terrainuntersuchungen schon beendet, und man wird, wie es bei der deutschen Regierung Sitte zu sein pflegt, dem Worte rasch genug die Tat folgen lassen.“
Abb. 5… und machen Kiel zu einer Stadt unter Dampf.
Zusehends füllte sich