: Ralf Schwob
: Problem Child Rhein-Main-Krimi
: Societäts-Verlag
: 9783955420642
: 1
: CHF 8.90
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 200
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Als Jugendlicher in den 80er Jahren ließ sich Frank die Haare wachsen, hörte AC/DC und demonstrierte gegen die verhasste Startbahn West. Etliche Jahre später kehrt er als Erwachsener in seinen Heimatort zwischen Rhein-Main-Airport und Darmstadt zurück, weil er sich um den Verkauf des Elternhauses kümmern muss. In der alten Umgebung werden Erinnerungen wach, die er bisher erfolgreich verdrängt hatte. Schuldgefühle aus dieser Zeit sorgen schließlich dafür, dass er ein obdachloses Mädchen für eine Nacht mitnimmt, ohne zu ahnen, dass er sich damit riesige Schwierigkeiten einhandelt. Am Ende spitzt sich die Situation im Frankfurter Bahnhofsviertel lebensbedrohlich zu.

Ralf Schwob wurde 1966 in Groß-Gerau geboren, arbeitete lange als Krankenpfleger und studierte später Germanistik in Mainz. Nach seinem Abschluss war er als Redakteur und Werbetexter tätig. Heute arbeitet er als freier Autor und Buchhändler und lebt mit Familiein seiner Heimatstadt Groß-Gerau. Für seine literarischen Arbeiten wurde er mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Literaturförderpreis der Stadt Mainz. 2011 erschien sein Ried-Roman 'Büchners letzter Sommer'.

2010: Heimkehr


Rechts versteckt sich der Niederwaldsee hinter Bäumen, und ein Stück weiter vorne kündigt das Schild bereits die Ausfahrt an.
Noch 500 Meter.
Noch 300.
100.
Frank nimmt den Fuß vom Gaspedal, blinkt und verlässt die Autobahn. Am Römerkreisel biegt er auf den Nordring ab, um die Innenstadt zu umgehen. Da er nicht wissen kann, was man sich in Sachen Verkehrsführung innerhalb eines knappen Jahres neu einfallen lassen hat, scheint ihm diese Strecke noch am sichersten zu sein. Als er im letzten Jahr zum achtzigsten Geburtstag seines Vaters nach Groß-Gerau gekommen war, hatte erüberrascht feststellen müssen, dass Straßen, die er früher immer gerne als Abkürzungen benutzt hatte, zu Einbahnstraßen geworden waren. Als sein Vater dann keine zwei Monate späterüberraschend verstorben war und Frank zur Beerdigung erneut in seine Heimatstadt zurückkehren musste, machte er die verwirrende Erfahrung, dass man die neue Einbahnstraßenregelung zumindest teilweise wieder zurückgenommen hatte.Über die entsprechenden Schilder waren blaue Plastiksäcke gezogen und die Straßen wieder in beiden Richtungen befahrbar. Dafür waren aber nun andere Straßen gesperrt, die vorher passierbar gewesen waren.
Auf dem Nordring gibt es heute Gott sei Dank keine derartigenÜberraschungen, die Straße schlängelt sich wie eh und je an der Feuerwache und dem neuen Friedhof vorbei, durchschneidet Felder undÄcker und führt schließlich als Brückeüber die Bahntrasse. Allein das kahlgeschlagene Grundstück jenseits der Schienen, wo sich früher die Zuckerfabrik mit ihren Silos und Schornsteinen erhob, löst ein merkwürdiges Gefühl der Entfremdung in ihm aus, so als fehle auf einmal etwas, das eigentlich nicht fehlen darf, weil es doch schon immer, buchstäblich seit er denken kann, da gewesen ist. Die Zuckerfabrik war bereits vor einiger Zeit geschlossen und kurz danach vollständig entkernt und abgerissen worden. Frank hatte sich damals ein Amateurvideo von der Sprengung der Kamine und Türme im Internet angesehen. Als er nun am höchsten Punkt der Brücke anlangt, sieht er das wie ausgebombt brachliegende Areal links unter sich, dessen weitreichende Fläche ihm erst jetzt, wo nichts mehr darauf steht, richtig bewusst wird.
Auf der anderen Seite der Brücke biegt er links auf die Umgehungsstraße ab,überquert die Kreuzung an der blauweißen Aral-Tankstelle und ordnet sich wenig später an der nächsten Ampel zwischen Schule und Hallenbad auf der Linksabbiegerspur ein.
Franks Elternhaus liegt in einer Seitenstraße mit Reihen- und Einfamilienhäuschen, angebauten Garagen und großzügigen Gärten, die von der Straße aus nicht einsehbar sind. Er parkt seinen Leihwagen, einen silbergrauen Opel Astra, den er sich am Frankfurter Flughafen geliehen hat, entgegen der Fahrtrichtung direkt vor dem Haus. Sein Rücken macht ihm zu schaffen und seine Arme und Beine fühlen sich steif und müde an, obwohl der Flug von Berlin nur eine knappe Stunde gedauert hat; auch die anschließende Autofahrt hierher war ein Klacks.
An den meisten anderen in der Straße geparkten Autos sind schwarz-rot-goldene Fähnchen in die Schiebefenster geklemmt, die deutsche Mannschaft hatte am Vorabend mit einem Sieg gegen Ghana den Einzug ins Achtelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika feiern können.
Im Vorgarten gegenüber lehnt der alte Schubert am Zaun und spritzt seinen Garten. Er tut so, als habe er nichts gesehen, aber Frank weiß, dass er natürlich trotzdem alles mitbekommen hat. Der alte Schubert, seit geschätzten hundert Jahren Pensionär, hat schon immer alles mitbekommen, was in der Nachbarschaft vor sich ging. Wenn Frank früher einmal eine verbotene Abkürzungüber einen fremden Gartenzaun genommen hatte und ihn Schubert dabei sah, konnte er sicher sein, dass die Nachricht von seiner Untat bereits bei den Eltern angekommen sein würde, bevor er selbst zu Hause eintraf.
Der alte Holzzaun ist verwittert und zwischen den Gehwegplatten, die zum Hauseingang und dem hinteren Teil des Grundstücks führen, wächst büschelweise Unkraut. Im Garten gebe es einiges zu tun, hat Andrea letzte Woche am Telefon gesagt, und er hat ihr versprochen, sich darum zu kümmern. Die Rollläden im Erdgeschoss sind alle heruntergelassen, und die Haustür dreimal verschlossen. Als Frank die dunkle Diele betritt, schlägt ihm der süßliche Geruch abgestandener Luft, vermischt mit kaltem Zigarettenrauch, entgegen. Er drückt an der Leiste neben der Tür auf den unteren Schalter für die Flurbeleuchtung, aber nichts geschieht. Erst nachdem er alle Schalter ohne Erfolg einmal an- und wieder ausgeschaltet hat, fällt ihm ein, dass Andrea wahrscheinlich die Sicherungen umgelegt hat.
Es bleibt ihm nichts anderesübrig, als sich langsam zu einem der Fenster vorzutasten. Von der Haustür fällt ein schmaler Streifen Licht durch den Flur ins Wohnzimmer, aber trotzdem stößt er sich zweimal das Knie, bevor er endlich den Rollladengurt im Halbdunkel zu fassen bekommt.
Die Abendsonne fällt in schrägen Streifen durch das Fenster in den Raum, Staubkörner tanzen in den Lichtbahnen. Die schweren dunklen Möbel und die verblasste Tapete sehen noch genauso aus wie immer. Er sieht den Fußschemel, an dem er sich gestoßen hat, und daneben den Wohnzimmertisch, die zweite Stolperfalle. Beides ist nachlässig in die Mitte des Raumes gerückt worden, offenbar um den Polstersessel, den kleinen Beistelltisch und die Stehlampe besser aus der Ecke heraustragen zu können. Am alten Sta