Long Island
Mai 2003
Schon vor meiner Einschulung habe ich oft auf der Kanalbrücke am Ortsausgang gestanden und sehnsüchtig den Autos nachgeschaut, die unser kleines Moordorf verließen. Vielleicht hielt ja endlich mal einer an und nahm mich mit? Hinaus in die große weite Welt! Nach Oldenburg… Oder noch weiter, nach Bremen. Oder in die richtig weite Ferne bis nach Amerika, wohin dieälteren Geschwister meines Großvaters vor langer Zeit, noch vor dem Zweiten Weltkrieg, ausgewandert waren, um ihr Glück zu machen. Sie schickten regelmäßig Fotos und Briefe aus den Vereinigten Staaten. Obgleich ich sie nur selten zu Gesicht bekam, wuchs ich doch mit ihnen auf, sie prägten mein Leben.
Und nun befand ich mich tatsächlich auf dem Weg zu ihnen, oder, um genau zu sein, zu meiner Großtante Marie. Rona, hatte mein Großvater erst vor wenigen Wochen gesagt, ich würde gern zum neunzigsten Geburtstag meiner Schwester nach Amerika fliegen. Willst du mich nicht begleiten? Mir ging es gerade ziemlich schlecht, privat und beruflich. Vielleicht bringt die Reise mich auf andere Gedanken, hatte ich gedacht und deshalb Ja gesagt. Ich war mir sicher, dass wir drei sehr intensive Wochen miteinander erleben würden.
Nun saßen wir schon einige Stunden im Flieger, der uns von Hamburg nach New York bringen sollte.Über Neufundland schlief mein Großvater endlich ein. Seit dem Start hatte er von seinem Fensterplatz aus die Welt von oben bestaunt und Fotos gemacht, die vermutlich hauptsächlich den linken Tragflügel in verschiedenen Lichtverhältnissen zeigten. Es war sein erster Flug. Den mit dem zerschossenen Bein, als die Verletzten aus dem Kessel von Stalingrad geflogen wurden, hatte er gemeint, kann man ja nicht mitzählen, damals war ich bewusstlos.
Die Nacht zuvor hatten wir in meinem Hamburger Loft verbracht, schon dort hatte mein Großvater vor Aufregung kaum geschlafen. Gut, dass er vor der Reise bei seinem Hausarzt gewesen war, sonst hätte ich mir vielleicht langsam Sorgen um seine Gesundheit gemacht. Doch der Doktor hatte ihm bestätigt:»Johann Wiemkes, du bist fitter als mancher Sechzigjährige.«
Ich hörte Opa leise und regelmäßig schnarchen, ich selbst konnteüberhaupt nicht schlafen. Denn ich war wütend. Immer noch. Es hörte gar nicht wieder auf. Ein dicker Wutball rotierte in meinem Bauch. Unsere Medizinredakteurin hatte einmal in einer Themenkonferenz erklärt, scheinbar grundlose Wut sei das vorherrschende Gefühl der Wechseljahre. Unser Gehirn fängt Feuer, hatte sie referiert. Die Hormone sorgen dafür, dass im Hirnähnlich wie in der Pubertät die Leitungen umgestöpselt werden.
Begannen jetzt etwa schon meine Wechseljahre? Frechheit! Dafür fühlte ich mich mit Mitte vierzig noch viel zu jung.
Abgesehen davon hatte ich sehr berechtigte Gründe, wütend zu sein. Ich hatte vor Kurzem meinen Job als Fotochefin eines Frauenmagazins verloren. Ohne Vorwarnung war ich von derÜberholspur in einer Sackgasse gelandet und hatte keine Ahnung, wie und wohin es weitergehen sollte. Der Rauswurf nagte noch gewaltig an mir, auch wenn ich mich inzwischen mit dem Verlag auf eine Abfindung geeinigt hatte. Wie konnten die nur einfach so auf mich verzichten? Wegen einer neuen Anstellung hatte ich schon mal meine Fühler ausgestreckt und nur Entmutigendes erfahren. Die alte Clique aus meiner Zeit als freie Fotografin, die ich, zugegeben, in den zurückliegenden beiden Redaktionsjahren sehr vernachlässigt hatte, existierte praktisch nicht mehr. Ein Kollege war nach Berlin zu seiner Wochenendbeziehung gezogen, weil er so wenigstens die Miete sparen konnte. Ein anderer, einst Vielflieger mit diversen Business-Lounge-Zugangsberechtigungen, war in seine schwäbische Heimat zurückgekehrt, um nun für die regionale Tourismuszentrale zu arbeiten. Eine Kollegin hatte in Hamburg eine Tagesbar mit Galerie eröffnet, die sich aber nicht rentierte. Eine andere war nach einer Auszeit in Australien dabei, in einem Bauernhaus an der Ostsee ein Yogastudio zu eröffnen. Von den vielen arbeitslosen Journalisten, die nun fast alle irgendetwas mit Coaching versuchten, hatte mindestens jeder Zweite geheiratet. Offenbar brachte die Krise locker verbandelte Paare enger zusammen. Alle, außer Robert und mich! Ich musste die Hand auf meine blubbernde Galle legen, um sie zu besänftigen.
Noch wütender als auf die Redaktion, den Verlag oder die Krise im Allgemeinen war ich schließlich auf Robert. Auf diesen undankbaren, faulen, schwanzgesteuerten Betrüger! Natürlich auch auf seine kurzhaarige Schlampe!
Andererseits, so lange wie mit Robert war ich noch nie mit einem Mann zusammen gewesen. Deshalb wollte ich jetzt nichtsüberstürzen, sondern in Ruhe ergründen, wie viel gekränkte Eitelkeit in meiner Wut steckte und ob es sich lohnte, um unsere Beziehung zu kämpfen.
Wir befanden uns im Landeanflug. Ich schloss die Augen.
Tante Mariesältester Sohn Jim und seine Frau Cora holten meinen Großvater und mich amJFK-Airport in New York m